Von den vielen Gaben des Joachim Gauck nutzt ihm eine im Amt des Bundespräsidenten besonders. Was viele Menschen sowieso denken, kann der Bundespräsident noch einmal so sagen, dass man den Eindruck haben kann, es sei irgendwie neu oder wichtig. Dann klopfen ihm die einen auf die Schulter und loben seinen "Denkanstoß" und die anderen verbitten sich die Einmischung des Präsidenten. Alle gemeinsam freuen sie sich über die Gelegenheit, ihre Meinungsstanzen ein weiteres Mal in die Welt zu pusten. Viel Staub wirbelt dann auf und manche nennen das Debatte.

Jetzt hat Gauck also sein Unwohlsein darüber benannt, dass im ostdeutschen Thüringen bald die SED-Nachfolgepartei Die Linke den Ministerpräsidenten stellen könnte. Da jubeln die schwarzen Antikommunisten noch einmal und rufen "Unrechtsstaat!", und Linken-Parteichef Bernd Riexinger fordert, wie fast immer, wenn Joachim Gauck sich mal wieder nicht raushält, der Bundespräsident möge sich jetzt mal bitte raushalten. Bodo Ramelow selbst, der als westdeutscher Gewerkschafter erst nach der Wende in den Osten kam, als es die SED schon nicht mehr gab, fühlt sich vom Pfarrer Gauck als Mitchrist ausgegrenzt. Im Osten nichts Neues also.

Die Regierungsübernahme durch die SED-Nachfolger zu beklagen ist ein historisch und persönlich nachvollziehbarer Reflex, gerade für ehemalige DDR-Bürger wie Gauck. Doch für die Linkspartei selbst ist das Thema mittlerweile bequem, weil sich nichts mehr bewegt. Sie werden mit DDR-Gezank keine Wähler mehr verlieren und keine gewinnen.

Das Gauck-Theater lenkt vielmehr vom eigentlichen Problem der Linkspartei ab. Und das ist weder ein baldiger Ministerpräsident Ramelow noch seine konventionelle Sozialpolitik. Sondern die radikalen Positionen und Politiker, die meist nicht aus dem Osten stammen. Sie wollen Unternehmen enteignen und verstehen Demokratie als Adjektivzugabe zum Sozialismus. Leute wie Ulla Jelpke, für die die terroristische kurdische Arbeiterpartei PKK eine Freiheitsbewegung ist. Oder ihr Fraktionskollege im Bundestag Diether Dehm, der im russischen Fernsehen erzählt, deutsche Medien seien vom amerikanischen und anderen Geheimdiensten beeinflusst, "sie arbeiten sehr eng mit denen zusammen". Als Dehm 2010 zwischen Christian Wulff und Joachim Gauck als Bundespräsident wählen sollte, gab er zurück: "Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Stalin und Hitler? Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen Pest und Cholera haben?"

"Scheiß-Ossis!"

Schimpfen kann auch Sevim Dağdelen, in der Partei zuständig für Internationale Beziehungen. Sie wurde von Polizisten verklagt, weil sie diese auf einer Demo "Scheiß-Ossis" genannt haben soll. Dağdelen hat auch für jenen Satz gekämpft, der wochenlang mit Zustimmung des Bundesvorstands im Programmentwurf der Linken stand und die EU als "neoliberale, militaristische und weithin undemokratische Macht" bezeichnete. Die Linken-Europabilanz damals: "Herausgekommen sind mehr faschistische Parteien, rechtspopulistische Hetzer und mehr Menschenjagd in und an den Grenzen der EU".

Bis heute versammeln sich unter dem Dach der größten deutschen Oppositionspartei neben trotzkistischen Gruppen auch solche, die Solidarität mit jenem kubanischen Regime fordern, das bis heute Menschen wegen ihrer politischen Ansichten einsperrt.

Alles Material für Gaucks Geschichte

Und dann wäre da noch Christine Buchholz. Die Bundestagsabgeordnete bastelte für Facebook ein Schild, auf das sie mit bunten Stiften den Satz malte: "Solidarität mit dem Widerstand in Kobane! US-Bombardement stoppen!" Dabei hatten genau jene Widerstandskämpfer die Bomben gefordert.

Zugegeben, bei solche Eskapaden geht es kaum um politische Inhalte, eher um menschliche Blödheit. Der Bundespräsident muss dazu nichts sagen. Doch nun verschwinden all diese gegenwärtigen Probleme der Linken hinter dem DDR-Geschrei, das Gauck losgetreten hat. Dass er diese Partei, wie alle Themen, nur durch die Brille seiner eigenen Biographie sehen kann, ist persönlich verständlich. Wie immer macht er die Welt und die Politik zum Material seiner einen, eigenen Freiheitserzählung.  Das ist konsequent. Nur hat es mit der Lage der Welt – oder in diesem Fall der Partei – nicht mehr viel zu tun.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Diether Dehm habe im russischen Fernsehen gesagt, der amerikanische und andere Geheimdienste steuere die deutschen Medien. Richtig ist, dass Dehm im Sender "Voice of Russia" gesagt hat, deutsche Medien seien vom amerikanischen und anderen Geheimdiensten beeinflusst und arbeiteten mit diesen eng zusammen. Dies ist nun korrigiert, wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.