Ob jemand am Donnerstag Fleisch isst oder nicht, ist den Grünen ab sofort "herzlich egal". Klingt ziemlich locker, aber der Grundsatzbeschluss des Grünen-Parteitags kommt doch eher verkrampft zustande: Zwei Anläufe braucht es am Freitagabend, um eine Mehrheit für diese zwei Wörter zu finden. Weil das Handzeichen-Votum zu unklar ausfällt, müssen die Delegierten aufstehen, damit das Parteitagspräsidium besser sehen kann, ob es wirklich eine Mehrheit gibt.

Schließlich wird der "Veggieday", das ungewollte Ungeheuer aus dem Bundestagswahlkampf, gänzlich durch den neuen ernährungsliberalen Passus ersetzt. Aber es war knapp. "Alles andere wäre eine Riesendummheit gewesen", sagt ein Spitzen-Grüner danach und schüttelt den Kopf. So sind sie die Grünen: Ringen um jedes Wort, um jeden Halbsatz. Weil in der Politik eben alles eine mächtige Symbolik entwickeln kann.


Die Forderung nach einem fleischfreien Donnerstag in Kantinen hatte der Partei im Bundestagswahlkampf viel Ärger eingebracht. Nicht wenigen galt er als Beweis dafür, was für sauertöpfige Moralisten die Grünen doch sind. Auch viele Grüne glauben, dass der Veggieday ein Auslöser für die Wahlniederlage war.

Natürlich sei das Wort verbrannt, räumen dessen Befürworter heute ein. Doch: "Herzlich egal" könne es der Partei eben immer noch nicht sein, wie viel Fleisch konsumiert werde, erregt sich die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl in ihrem Redebeitrag über die "lapidare Formulierung" und erntet einigen Applaus.

Profilieren mit besserer Ernährung

Einig sind sich die Grünen aber darüber, sich künftig mit dem Thema "bessere Ernährung" profilieren zu wollen. In Zeiten, in denen in Städten ganz selbstverständlich zum veganen Weihnachtsmarkt eingeladen wird und multiresistente Keime im Supermarkt-Fleisch die Verbraucher verschrecken, sind die Grünen einem Trendthema auf der Spur. Doch spricht Parteichef Cem Özdemir in seiner Parteitagsrede lieber vom "Genuss" ein Vegetarier zu sein, als darüber, warum Büroangestellte donnerstags kein Fleisch essen dürfen. Ermunterung zum Selbermachen, das ist das ausgerufene Credo der Grünen. Verbote sind out.

Die Grünen sind vorsichtig geworden, seitdem sie bei der Bundestagswahl vor 14 Monaten deutlich unter ihren Erwartungen blieben. Über die Gründe streitet die Partei seitdem. Waren sie zu besserwisserisch? Zu links? Fehlte einfach eine Machtoption, wurden die Sozialdemokraten "überschätzt", wie es in einem Antrag zum Parteitag heißt? Das Trauma ist jedenfalls noch nicht überwunden. 

Wofür stehen die Grünen? Die neue Partei- und Fraktionsführung hat es nach einem Jahr im Amt nicht geschafft, klare Akzente zu setzen. Es fehlt ein sichtbares Profil für die Oppositionsarbeit. Für ihren dreitägigen Parteitag und die Zeit danach haben die Strategen sich daher das Motto "Mehr Biss" verordnet.  

Dieses Motto weist auf grünen Plakaten den Parteitagsdelegierten den Weg im Hamburger Norden. Ein hübsche Szene: Nebel umhüllt die Veranstaltungshalle, Sicht kaum zehn Meter. Vampir-Assoziationen machen die Runde. Was gut passt, weil die schwache Parteiführung im Bund zuletzt hilflos zuschauen musste, während sich das Umfeld von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Alt-Spitzenkandidat Jürgen Trittin gegenseitig mit Vorwürfen überzog.