Eine Panzerhaubitze 2000 vom deutschen Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann fährt auf einen Tieflader auf dem Flughafen Leipzig/Halle. © Peter Endig/dpa

In der Debatte um die deutschen Rüstungsexporte scheint es einen fragwürdigen Konsens zu geben, mit Waffenexporten würden langfristig Arbeitsplätze und Technologie-Knowhow in Deutschland gesichert. Zwar warnen Kritiker davor, ethische und außenpolitische Ziele für wirtschaftliche Interessen zu opfern – niemand hinterfragt jedoch ernsthaft, ob mehr Waffenexporte der Industrie überhaupt nützen. Eine Analyse des Rüstungsmarkts widerspricht diesem Eindruck vehement. Im Gegenteil: Die Bedingungen, zu denen heute noch Exporte in Drittstaaten möglich sind, sind zwar kurzfristig profitabel, graben der deutschen Verteidigungsindustrie aber langfristig das Wasser ab.

Dass die deutsche Rüstungsindustrie vor allem auf Exporte ausgerichtet ist, liegt am massiven Rückgang der Aufträge durch Bundeswehr und Nato-Partner seit Ende des Kalten Krieges. Allerdings haben alle Bundesregierungen der vergangenen 25 Jahre es versäumt, den damit verbundenen notwendigen Strukturwandel voranzutreiben. Stattdessen wurden die Unternehmen bei der Erschließung neuer Exportmärkte noch unterstützt und das Problem damit vor sich her geschoben.

Die internationale Nachfrage nach Rüstungsgütern ist unbestritten groß – vor allem Waffenimporteure im Nahen Osten, Nordafrika und Asien befinden sich seit Jahren in einem regelrechten Kaufrausch. Doch das internationale Angebot übersteigt diese Nachfrage deutlich. Denn nicht nur die deutsche Verteidigungsindustrie drängt verstärkt auf den Weltmarkt; sämtliche europäische Rüstungsindustrien kämpfen mit dem gleichen Problem. Die Folge ist ein Käufermarkt: Wenn es deutlich mehr Angebot als Nachfrage gibt, befinden sich die Käufer in der besseren Verhandlungsposition.

Im Rüstungsgeschäft hat das dazu geführt, dass Käufer im Rahmen von Kompensationsgeschäften immer mehr Zusatzleistungen für den Abschluss eines Geschäfts fordern können: Investitionen in die Wirtschaft des Käuferlandes, Joint Ventures, Unterbeauftragungen oder Technologietransfers, die Exporteure neben dem eigentlichen Rüstungsgut anbieten, um sich gegen ihre Konkurrenz durchzusetzen.

Nebengeschäfte teurer als Kaufpreis

Der Handel mit Kompensationsgeschäften blüht. Von 2005 bis 2011 hat die Verteidigungsindustrie weltweit der amerikanischen Beratungsfirma Avascent zufolge solche Offset-Geschäfte im Wert von 214 Milliarden Dollar (rund 172 Milliarden Euro) abgeschlossen. Dieser Betrag soll sich bis 2016 noch einmal auf knapp eine halbe Billion Dollar (rund 400 Milliarden Euro) verdoppeln. Diese Nebengeschäfte belasten auch die deutsche Rüstungsindustrie: Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie betragen Offset-Geschäfte bei deutschen Rüstungsexporten inzwischen bis zum Dreifachen des eigentlichen Kaufpreises.

Viele der Käuferstaaten benutzen diese Offset-Geschäfte, um sich Wehrtechnologie zu beschaffen, die eigene Rüstungsindustrie aufzubauen und damit von Importen unabhängiger oder selbst zum Rüstungsexporteur zu werden. Südkorea beispielsweise verlangt beim Kauf deutscher U-Boote der Klasse 214 seit 2002 eine Endfertigung durch die koreanischen Firmen Hyundai und Daewoo und besteht zudem auf umfangreiche Technologietransfers. Die Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW), die seit Jahren mit staatlichen Subventionen ums Überleben kämpft, akzeptierte die Bedingungen. Dabei machten die Koreaner kein Geheimnis aus ihrer Strategie: Die Regierung erklärte mehrfach, die gewonnene Erfahrung und Technologie nutzen zu wollen, um in Zukunft eigene U-Boote entwickeln und exportieren zu können. Prompt gewann Daewoo 2011 eine milliardenschwere Ausschreibung der indonesischen Regierung für neue U-Boote; Mitbewerber HDW ging leer aus.

Der Transfer deutscher Technologie beschränkt sich nicht nur auf Demokratien wie Südkorea. So sieht der jüngste Export deutscher Fuchs-Panzer durch Rheinmetall nach Algerien den Aufbau einer Panzerfabrik dort vor. Dadurch erlangen algerische Firmen Knowhow, das in Zukunft auch Eigenentwicklungen ermöglichen könnte.