Wenn man von den Hängen meiner Heimatstadt Coburg nach Osten schaut, wird der Horizont von einem schmalen, dunklen Gebirgsband markiert, dem Thüringer Wald. Für uns Kinder der Nachkriegszeit waren die Wälder dort unerreichbar. Zwischen ihnen und uns lag die Zonengrenze mit Stacheldraht und Minengürtel, Laufhunden und Selbstschussanlagen. Alle paar Tage las man in der Zeitung von neuen Opfern dort, von Menschen, denen die Verheißung der westlichen Freiheit das Risiko eines Fluchtversuchs wert war, die aber im Minengürtel scheiterten, die man verletzt oder tot wegschaffte. Eine brutale Grenze, "die Russen haben sie gebaut".

Und doch war das ferne Gebirge uns nah: "Dort entspringt die Itz", sagte meine Lehrerin Frau Brückner, wenn wir Kinder Heimatkunde hatten, und das war der Fluss, dessen Wasser wir täglich auf dem Schulweg über Coburger Brücken querten. Wieso wir die Quelle am thüringischen Blessberg nicht besuchen konnten, war ja nicht leicht zu verstehen. Die Menschen dort sind eingesperrt, war die Antwort, keiner darf über die Grenze zu uns. "Die Russen wollen das nicht, sie haben Angst, dass keiner zurückkommt."


Zwar hatten wir keine Verwandten "drüben", aber die Menschen taten uns leid, weil wir auch wussten, dass sie in ihrem Sozialismus zwar nicht hungerten, mangels Importen aber auf das angewiesen waren, was die Scholle zwischen Mecklenburg und Sachsen so hergab. Für Orangen, Bananen oder Gewürze fehlten die Devisen. Also packte auch meine Mutter zu Weihnachten und übers Jahr Päckchen mit Zucker, Kaffee, Backzutaten, Schokolade, Nylonstrümpfen, Kugelschreibern und anderen Dingen, an denen "drüben" Mangel herrschte.

"Geschenksendung – keine Handelsware" mussten wir auf die Päckchen schreiben, aber es hatte sich herumgesprochen, dass mit den Westwaren in der DDR auch schwunghafter Handel betrieben werden konnte, also auch alles willkommen war. Wir freuten uns, den Landsleuten in der sogenannten DDR (die wir ja nicht anerkannten) das Leben unter der Russen-Knute ein bisschen erleichtern zu können.

In Panzern standen sie am Checkpoint Charlie herum

Manchmal konnte man die Russen auch sehen. In Berlin standen sie mit furchterregenden Panzern am Checkpoint Charlie herum, und Nikita Chruschtschow hämmerte mit seinem Schuh auf das Rednerpult der Vereinten Nationen in New York. Der eine oder andere hatte es als Flüchtling in den Westen geschafft und erzählte vom Leben zwischen Moskau und Irkutsk, von der Taiga, den großen Flüssen, alten Städten und vom schönen Sankt Petersburg.

Die russische Machtelite war uns das Reich des Bösen: Sie knechtete nicht nur die DDR, wir sahen auch die Panzer in der Tschechoslowakei und in Polen, die jede Freiheitslust dort niederwalzten. Auch das eigene Volk hielten sie in Schach. Unvergessen ist mir ein Besuch in Moskau 1978: auf den Märkten ein mageres Angebot, in den Straßen schweigsame Menschen in Furcht vor dem KGB, an den U-Bahn-Stationen Zigarettenschwarzhandel, pompöse Plakate zum Ruhm der militärisch großen und doch bankrotten UdSSR – mit denen, so viel war klar, war nicht gut Kirschen essen.

Und dann 1989 die Öffnung und der Abriss der innerdeutschen Grenze, die Wiedervereinigung. Uns Wessi-Nachkriegskindern erschien das als ein unfassbares Wunder. Eben noch der böse russische Bär, und dann plötzlich ein Kommunistenchef, der Verständnis aufbringt für den Freiheitswillen der Menschen seines Imperiums, der die Nationen seines Machtbereichs zu selbstbestimmter Freiheit aufruft, der den DDR-Führern zum 40. Jahrestag ihres kaputten Teildeutschland die Mahnung schenkt: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

In den 1990ern war ich im Tross von Helmut Kohl zu Gast bei Boris Jelzin im Kreml. Als die beiden Staatschefs abends zusammen Volkslieder sangen, deutsche und russische im Wechsel, und Jelzin buchstäblich auf dem Tisch tanzte – da war jedem klar, wie viel besser ein Europa ist ohne die Spannungen der kalten oder die Katastrophen heißer Kriege. Dazu, das war der Schwur, sollte es nie wieder kommen.

Wir begannen, die Russen lieb zu haben

Die russischen Truppen zogen aus Deutschland ab. Jelzin-Nachfolger Putin sprach vor dem Deutschen Bundestag und warb für Russlands Zimmer im europäischen Haus. Das war der Zeitpunkt, zu dem wir Deutschen begannen, die Russen sogar ein bisschen lieb zu gewinnen. Die Feindbilder schmolzen wie Schnee in der Frühjahrssonne. 2008 fanden nur noch fünf Prozent der Deutschen, Russland sei unser "Feind", und nur noch zwei Prozent der Russen sahen Deutschland als solchen an. 45 Prozent der Deutschen meinten, man müsse mit Russland "möglichst eng" zusammenarbeiten, mehr als die Hälfte der Russen wollten das mit Deutschland. Die Hälfte der Deutschen war überzeugt, Russland sei tatsächlich "ein europäisches Land", was 53 Prozent der Russen auch glaubten. Und in jenem Jahr der Umfrage, 2008, urteilten 55 Prozent der Deutschen und 78 Prozent der Russen, die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien "sehr gut", 45 Prozent der Russen sagten: "Ich mag die Deutschen", umgekehrt nur 25 Prozent. Die Russen hatten uns den Zweiten Weltkrieg offenbar vergeben.

Vor wenigen Wochen war ich wieder in Moskau. Es ist Montag, der 20. Oktober 2014. Von der Dachterrasse des Kempinski Baltschug blicke ich über den abendlichen Roten Platz: links der prachtvolle Kreml mit dem roten Stern über dem Erlösertor, geradeaus das lichterkettenbehängte Kaufhaus Gum, im Vordergrund die Basilius-Kathedrale, rechts davon eine tiefe Baugrube, dort stand einst das Hotel Rossija, zu kommunistischen Zeiten die Zwangsbleibe aller Westtouristen. Das Wetter ist so regnerisch wie die Stimmung zwischen West und Ost.