Willy Brandt ist unangefochten spitze, aber direkt danach folgt ab Sonntag Sigmar Gabriel. Der ist am 23. November 2014 genau fünf Jahre und zehn Tage Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Diese kurze Periode qualifiziert Gabriel zum Parteichef mit der zweitlängsten Amtszeit Geschichte der Sozialdemokratie seit den 1960er-Jahren.

Gabriel wird den Ehrentag daheim in Goslar begehen, ist zu hören. Eine große Fete plant die SPD-Parteizentrale nicht, vielleicht gibt es zu Wochenbeginn einen Blumenstrauß. Denn sowohl den Genossen als auch Gabriel ist klar, dass das Ereignis weniger über die persönliche Performance des aktuellen Chefs aussagt, als über den lange Jahre äußerst unsteten Zustand an der Parteispitze.

15 Vorsitzende hat die SPD in 68 Jahren verschlissen. Bei der CDU waren es nur sieben und Angela Merkel ist schon doppelt so lange im Amt wie Gabriel und dennoch weit davon entfernt, sich in ihrer Partei mit der Silbermedaille zu schmücken.

 23 Jahre lang, zwischen 1964 und 1987, prägte Willy Brandt die Republik als SPD-Chef, aber auch als Berliner Bürgermeister und vor allem als Kanzler, der eine neue Ostpolitik einleitete. An Brandt kam in der Parteiführung anschließend keiner mehr heran: Selbst Gerhard Schröder, der starke Mann der Sozialdemokraten der 2000er Jahre, war zwar acht Jahre Kanzler, hielt es aber eben nur fünf Jahre und neun Tage als Parteichef aus.   

Kurt Beck hat die Demütigung nie verwunden

Schröder wollte den Parteivorsitz nicht, er übernahm in der Not, nachdem Oskar Lafontaine sein Ministeramt und auch den SPD-Vorsitz im Streit mit Schröder hingeschmissen hatte. Besonders turbulent waren die Jahre 2004 bis 2009 für die Sozialdemokraten, da hatten sie fünf verschiedene Parteichefs, also im Schnitt einen pro Jahr. Hoffnungsträger Mathias Platzeck hielt nur 146 Tage durch, gab dann wegen gesundheitlicher Probleme auf.  Nach zweieinhalb langen Jahren in der "Schlangengrube" der SPD-Bundespolitik floh Kurt Beck 2008 am Potsdamer Schwielowsee durch den Hinterausgang der SPD-Klausurtagung. Die Demütigung durch die eigenen Genossen hat Beck nie ganz verwunden.

Selbst die FDP, der oft vorgeworfen wird, nicht glimpflich mit ihren Vordersten umzugehen, steht solider da: Elf Jahre führte Hans-Dietrich Genscher die Liberalen, Guido Westerwelle zehn Jahre. Erst dann wurde er von der Boygroup um Philipp Rösler und Christian Lindner gestürzt. Beide haben seitdem ihre eigenen Negativ-Erfahrungen auf dem Schleudersitz gemacht, wie der Parteivorsitz von Wolfgang Kubicki genannt wird.

Gabriel impfte der SPD Selbstbewusstsein ein

Sigmar Gabriel kam bisher nicht ins Schleudern. Er übernahm die Führung der Sozialdemokraten in der vielleicht turbulentesten Zeit nach dem Verlust der Regierungsverantwortung 2009. Seitdem impfte er seiner Partei neues Selbstbewusstsein ein. In seiner berühmt gewordenen Bewerbungsrede als SPD-Vorsitzender baute er die demotivierten Genossen auf, hielt ihnen aber auch vor, dass sie bürgernäher werden müssten und dahin gehen, wo es "manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Eine "neue Kultur des Miteinanders" erhofften sich viele Sozialdemokraten von ihm, sagt SPD-Forscher Felix Butzlaff vom Göttinger Institut für Demokratieforschung.