Advent. Und das dahinten, das muss der Fluchtpunkt sein: Im Irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahr angesiedelt. In jenem Niemandsland also, das manche "zwischen den Jahren" nennen und das wir uns leer vorstellen, was es allerdings nicht ist. Und leider nie war; natürliche und politische Katastrophen haben das Zwischenreich beinahe jedes Mal so volllaufen lassen wie alle anderen Intervalle.

Fühlen Sie sich auch überanstrengt vom Weltgeschehen? Was da pausenlos auf uns einprasselt, ist schwer auszuhalten und noch schwerer einzusortieren. Sich einen Reim auf etwas zu machen, heißt ja auch, sich ein wenig zu beruhigen, aber beides will sich nicht recht einstellen.

Nicht, dass der Rest des Lebens ein Spaziergang wäre. Auch wenn wir in einem Land leben, das bessere Lebensbedingungen aufweist als die meisten anderen, hat dieser Zustand doch seinen Preis. Von nichts kommt nichts. Unsere – eigentlich willkürliche – Einteilung der Zeit in Jahre legt einen Moment frei, in dem die allgemeine Erschöpfung sichtbar wird.

Mag die Politik, von außen betrachtet, auch aussehen, als bade sie in Selbstzufriedenheit, so ist doch der deutsche Arbeitsalltag eine einzige Anspannung, eine Veränderungsspannung, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Dieser Alltag ist auch nicht etwa eingebettet in Flaum und Schaum, vielmehr zerren selbst dann, wenn wir nicht gerade Geld verdienen müssen, immer neue Anforderungen an uns, Rollenkonflikte, Ansprüche, auch Bedürfnisse. Wir können, also müssen ohne Unterlass eine Wahl treffen, uns zwischen Angeboten und Optionen entscheiden, zwischen Pflichten, Chancen, Sachen, Personen. Freiheit erzeugt Stress.

Das gängige Gerede um immer neue Generationen, die definiert werden müssen, die Generation X, Y oder Z, kann auch als Versuch gelesen werden, die sozialen Rollen in dieser Optionsgesellschaft zu definieren. Damit man endlich einmal Überblick bekommt.

Insofern also: Die Deutschen haben es mitnichten gemütlich. Sogar der hergebrachte Advents-, Weihnachts- und Silvesterritus mit seinem Normalstress ist nicht mehr der gleiche wie zuvor, wir sollen und wollen jetzt ökologisch anständig einkaufen, feiern und essen, wollen keine Konsumtrottel sein, aber auch nicht unaufmerksam zu unseren Lieben, ja überhaupt alles richtig machen.

Und da kommen einige mit "Besinnlichkeit". Ja guten Morgen, wie sollen wir denn besinnlich sein, wenn unser Gehirn ein "verrückter Affe" geworden ist, wie die Buddhisten sagen? Wie bitte sollen wir zu uns selbst finden, wenn der Weg dorthin von Nachrichten, Newstickern und Sondersendungen versperrt wird, von Reklamegeflimmer und Kampfplauderei? Wobei es nicht die Informationsflut ist, die uns stresst, sondern der unausgesetzte Zwang, sich zu alledem zu verhalten.

Um den Zwängen zu entkommen, könnte man sich vielleicht noch ins Koma fallen lassen, was an dieser Stelle nicht empfohlen werden soll; eine andere Flucht ist die auf Dauer gestellte Ironie, diese Witzigkeitswelle, wie sie uns entgegentwittert.

Sonst nichts?

Vielleicht: den Stier bei den Hörnern nehmen. Ganz bewusst eines der belastenden Probleme heraussuchen, und – zum Beispiel – ein dazu passendes Buch lesen. Konzentriert. Von mir aus das Grundgesetz, interessante Lektüre übrigens, gern auch die Bibel, Ionescos Kahle Sängerin, den Lear oder was sonst mit unseren Zeiten zusammenklingt. Etwas also, das wir nicht trotz sondern gerade wegen der Assoziationen lesen, die sich einstellen.

Es sind erregte Zeiten. Die Erregungen zu ordnen, das geht nicht ohne Methode. Ich weiß jedenfalls jetzt, welche ich zwischen den Jahren anwenden werde. Und Sie?