Der Unbeugsame zieht Widerspruch auf sich. Andreas Schockenhoff war ein Unbeugsamer und dabei vielleicht verletzlicher, als ein Mensch des öffentlichen Lebens zugeben darf.

Von 2006 bis Anfang 2014 war er der "Beauftragte des Auswärtigen Amtes für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit". Ein sperriger, bürokratisch klingender Titel. Doch Andreas Schockenhoff erfüllte dieses Amt mit Leben. Er nahm seinen Auftrag ernst und wich Konflikten, die daraus erwuchsen, nicht aus. 



Die Zivilgesellschaft, das ist nicht die große Bühne. Das ist auch kein Glanz und Glamour, den es in Moskau in atemberaubender Weise gibt. Das sind die beengten Räume der Aufrechten und deren täglicher Kampf ums Überleben: 

Swetlana Gannuschkina von der NGO Bürgerbeteiligung in ihren Kellerräumen, wo die "Schwarzen", die Ungeliebten, Herumgeschubsten und Flüchtenden aus dem Nordkaukasus Zuflucht suchen.


Die Novaja Gazeta – ein Stachel im Fleisch der nahezu gleichgeschalteten Medien. In ihren Redaktionsräumen hängen die Bilder von acht Journalistinnen und Journalisten, die ihre Recherchen mit dem Leben bezahlt haben.


Und natürlich Memorial, das große Netzwerk von russischen Menschenrechtlern. Sie sind Spurensucher in den Zeiten des großen Terrors, aus dem Gulag Stalins und des Sowjetsystems danach. Schon lange erregen sie den Unmut der Macht. Der kritische Blick auf Stalin hat in der heroischen Beschwörung der Vergangenheit, die Millionen vom deutschen Faschismus befreite, aber doch keine Freiheit brachte, keinen Platz. Memorial ist auch deshalb gefährdet, weil die Organisation Menschenrechte als aktuellen Auftrag versteht.

Es sind nicht nur Bürgerinitiativen in Moskau und Sankt Petersburg, die diesen Teil der russischen Gesellschaft ausmachen:
 Im fernen Tscheljabinsk kämpfen Bürger, verstrahlt von einem geheim gehaltenen Atomunfall in der Rüstungsanlage Majak aus dem Jahre 1957 für die Anerkennung ihres Leids, für Umsiedlung, medizinische Versorgung und Unterhalt. Und nach den Olympischen Spielen in Sotschi sitzt noch immer ein Umweltschützer im Lager, der die Wälder der Region dem schonungslosen Zugriff der Behörden entziehen wollte.

Er kannte das andere Russland

Kenntnis und Verständnis für diesen Teil von Russland sind in Deutschland begrenzt. Andreas Schockenhoff kannte dieses widerspenstige, aufgeklärte und moderne Russland, das den Weg in die antiwestliche Isolation nicht mitgehen will, weil es weiß, dass diese Isolation die Zukunft verbaut. Wer dieses Russland kennt, der stellt sich auch dem fast kolonialistischen Blick auf Russland entgegen, der bei uns nicht selten zu finden ist: "Der Russe braucht die Knute" (Interviewfrage in einer deutschen Lokalzeitung) oder "Der Russe ist nicht reif für die Demokratie"...

Schockenhoff agierte in dem Wissen um die deutsche Verantwortung für die Verbrechen des 20. Jahrhunderts, er hatte einen klaren Kompass. Dieser Kompass hieß: Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind weder westlich noch relativierbar. 
Wenn ein Volk wie das deutsche nach den dunkelsten Zeiten des Faschismus zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit finden konnte, so können es auch die Länder, die durch den Pakt von Yalta der östlichen Diktatur zugeschlagen wurden.

Schockenhoff war überzeugt, dass nicht nur Polen, Balten, Ukrainer, sondern auch die Völker Russlands eines Tages den Weg von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einschlagen werden. Genau dort liegt die Angst des Wladimir Putin begründet. Wer wie Schockenhoff die Verbrechen des Nationalsozialismus als immerwährende deutsche Verantwortung annimmt, der darf und muss den Blick auch auf den Totalitarismus im Osten und seine Opfer werfen. Der weiß, dass es keine Relativierung deutscher Verbrechen ist, wenn die Verbrechen Stalins benannt werden. Und mehr noch: Der weiß, dass seit der unheilvollen Allianz, die Hitler und Stalin auf Zeit geschlossen hatten, um Polen ein weiteres Mal zur geteilten Beute zu machen, stets die Sorge der "Kleinen" zwischen den beiden "Großen" mit bedacht werden muss.

Kein deutscher Sonderweg

Deshalb verbietet sich schon der Anschein einer erneuten Achse "Berlin-Moskau". Die Kontroversen um die Zukunft des Petersburger Dialogs waren symptomatisch für den deutschen Umgang mit dem Kreml. Was steht im Vordergrund: der Dialog mit der Macht, das Verständnis für den Verlustschmerz des zerfallenen Imperiums, der Kompromiss zulasten Dritter? Oder das unbeirrte Beharren auf einer demokratischen Basis, der sich auch der Kreml verpflichtet hat – als Mitglied des Europarats, als Unterzeichner der KSZE Schlussakte und internationaler Garantien? Ein deutscher Sonderweg, und seien es auch nur exklusive Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, war für Schockenhoff undenkbar.

Die Angriffe auf ihn wurden härter in Zeiten, in denen der Kreml auf ein deutsch-russisches Sonderverhältnis setzt und dabei rechte wie linke Kräfte mobilisiert.


Nicht umsonst war Schockenhoff auch aktiv in der deutsch-französischen Parlamentariergruppe. Die Einbindung Deutschlands in ein vereinigtes Europa war für ihn der feste Grund, auf dem ein wiedervereinigtes Deutschland stehen muss. Vor wenigen Tagen frühstückten wir mit David Harris, Geschäftsführer des American Jewish Committee. Es ist nicht allein die Erinnerung an die Shoa, die die jüdische Gemeinschaft mit großer Sorge auf die Ukraine blicken lässt. Es ist auch die Tatsache, dass jüdische Bürger ein Teil der Maidan-Bewegung und des Ringens um die Freiheit der Ukraine sind. Der Schwarze und die Grüne, einig in der Frage, dass die Bürger der Ukraine ein Recht auf Zugehörigkeit zu Europa haben – keiner von uns konnte ahnen, dass wir nie wieder zusammentreffen würden.  

Marieluise Beck ist Sprecherin für Osteuropapolitik der grünen Bundestagsfraktion. Gemeinsam mit Andreas Schockenhoff und anderen forderte sie kürzlich eine Reform des Petersburger Dialogs. Beck gehört zu den Unterzeichnern des Aufrufes Friedenssicherung statt Expansionsbelohnung.