Dem Historiker Karl Schlögel ist zu danken, dass er dem peinlichen Aufruf "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!" und der darin enthaltenen Geschichtsklitterung klar und sachkundig widersprochen hat. Denn der Aufruf folgt dem fatalen Grundsatz: Lasst uns mit Krieg in Frieden! Anstatt dass die Unterzeichner wenigstens den Namen des Kriegstreibers nennen, blenden sie Putins hybriden Krieg gegen das und im Nachbarland vollständig aus.

Bei über 4.000 Toten in der Ostukraine, zahllosen Verletzten, einem abgeschossenen Passagierflugzeug, mehr als einer Million Flüchtlingen, gewaltsamen Vertreibungen und dem Raub und der gewaltsamen Annexion der Krim mit Hilfe russischer Soldaten über die Sorge vor einer drohenden Kriegsgefahr zu schwadronieren, ist keine Wahrnehmungsstörung, sondern weit schlimmer. Es ist eine spezielle Form der kalten Regression: eine von Ignoranz gesteigerte Apathie, getragen von Selbstschutz, Gewissensberuhigung und der eigensinnigen Überzeugung der Autoren, den einzig denkbaren Lösungsweg aus einer brutalen Eskalation gefunden zu haben. Verbunden mit dem Sendungsbewusstsein, dass sie die Idee einer nicht genauer beschriebenen Entspannungspolitik den unvorsichtigen Mitgliedern des Bundestages, der Bundesregierung und tendenziösen Medien anklagend übermitteln müssten.

Wie dürftig das Geschichtsbewusstsein der vielen Ehemaligen ist, die hinter dem Aufruf stehen, belegt auch die verblüffende Feststellung, dass die Spaltung Europas allein durch die Versöhnungsbereitschaft Russlands, die Weitsicht Gorbatschows, die Unterstützung der westlichen Verbündeten und das umsichtige Handeln der damaligen Bonner Regierung überwunden wurde – ohne die Friedlichen Revolutionen der Völker Osteuropas auch nur zu erwähnen. Kein Wunder daher, dass sie auch die Freiheitsrevolution auf dem Euromaidan nicht verstanden haben.

Die in dem Text erwähnte Pariser Charta für ein neues Europa von 1990 verpflichtet die 35 Unterzeichnerstaaten in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen und der KSZE-Schlussakte, sich jeder gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit eines anderen Staates gerichtete Androhung oder Anwendung von Gewalt zu enthalten. Genau diese Friedens- und Sicherheitsordnung wurde nicht von den USA oder der EU, sondern von Russland verletzt.

Eine zusätzliche Bedrohung des Weltfriedens besteht darin, dass Russland auch das Budapester Memorandum von 1994 gebrochen hat, in dem es gemeinsam mit den USA und Großbritannien der Ukraine die territoriale Integrität garantiert, im Gegenzug für den Verzicht des Landes auf die früheren sowjetischen Atomwaffen. Dieser Völkerrechtsbruch hat die Abrüstungsbereitschaft anderer Atommächte extrem verringert. Staaten wie der Iran, die nach solchen Waffen streben, werden ihre Bemühungen eher intensivieren. Angst können die Menschen in Europa eher vor dieser Entwicklung haben, als vor der eingebildeten Selbstbedrohung durch die westliche Politik.   

Moskau hat die Kooperation verworfen

Die Idee eines Gemeinsamen Europäischen Hauses war eine schöne Vision. Gorbatschows Traumhaus sollte die EU und die Sowjetunion mit unterschiedlicher Hausordnung unter ein Dach bringen und hatte darum nicht nur statische Mängel. Mittlerweile gibt es dieses Europäische Haus. Es heißt EU, und viele wollen darin wohnen. Auch die Ukraine, wenn ihr der Kreml den Weg nicht durch Wirtschaftsblockaden, Gas-Embargo und Panzer verstellt.

Niemand will Russland aus Europa hinausdrängen, wie die Unterzeichner des Aufrufs behaupten. Putin hat sein Land selbst isoliert. Politisch hat die EU alles versucht, den besonderen Wünschen und Interessen Russlands entgegenzukommen, auch mit der angebotenen strategischen Partnerschaft. Die ging weit über das Programm der Östlichen Partnerschaft mit den anderen Ländern Osteuropas hinaus, in dem Russland nicht mitwirken wollte, weil es auf seinem Status als ehemaliger Supermacht beharrte. Abgeschlossen wurde auch eine gemeinsame Energiecharta. Doch all diese Fortschritte wurden gestoppt und aufgekündigt, seit Putin in Moskau wieder allein die Zügel der gelenkten Demokratie in der Hand hat.