Nach gut drei Stunden Sitzung dringen am sehr späten Dienstagabend nur fünf Worte aus dem Vorstand der Thüringer CDU: "Kein Kandidat im ersten Wahlgang." Mehrere Minuten später bestätigt der Generalsekretär der Partei, Mario Voigt, in einer schriftlichen Erklärung nur wenig ausführlicher das Ergebnis der Beratungen. Es ging um die Frage, wie die Partei darauf reagieren will, dass am Freitag im Thüringer Landtag mit Bodo Ramelow erstmals ein Politiker der Linkspartei zum Ministerpräsidenten Bundeslandes gewählt werden soll. Das will sie unbedingt verhindern.

Das Präsidium der Partei habe beschlossen, "der Fraktion zu empfehlen, im ersten Wahlgang für die Wahl zum Ministerpräsidenten keinen eigenen Kandidaten aufzustellen", heißt es in der Mitteilung. Linke, SPD und Grüne sollten beweisen, dass das rot-rot-grüne Dreierbündnis über eine eigenständige Mehrheit im Parlament in Erfurt verfüge. "Bodo Ramelow und seine Mannschaft sind deshalb am Zug." 

Die wenigen Worte belegen: Die CDU ist sich immer noch uneinig. Kein Kandidat im ersten Wahlgang heißt auch, dass sich die Union offen hält, für einen zweiten oder dritten Wahlgang doch noch einen Kandidaten aufzustellen. Schon seit Wochen laviert die Union in dieser der Frage. Am Dienstagabend hätte endlich eine Entscheidung fallen sollen. Als mögliche Kandidaten galten die amtierende Ministerpräsidentin und Noch-Vorsitzende der Landes-CDU, Christine Lieberknecht, sowie ihr innerparteilicher Gegenspieler Mike Mohring, der CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag ist, sowie ein noch zu findender Dritter.

Ein Abweichler reicht

Das Kalkül der CDU ist: Rot-Rot-Grün hat im Thüringer Landtag nur eine Stimme Mehrheit. Und sowohl Ramelow als Person als auch das Dreierbündnis sind umstritten. Ein oder mehrere Abweichler im rot-rot-grünen Lager könnten die Koalition also noch scheitern lassen, ehe sie die Regierungsgeschäfte übernimmt.

Eng verbunden mit dieser Überlegung ist die Frage, wie die Thüringer CDU sich zur AfD verhält, die mehr als zehn Prozent der Zweitstimmen bei der Landtagswahl holte und mit elf Sitzen im Landtag vertreten ist. Die SPD, der bisherige Koalitionspartner der CDU und jene Partei, bei der die CDU-ler am zuversichtlichsten sind, potenzielle Abweichler gegen Ramelow mobilisieren zu können, verfügt nur über zwölf Sitze.

Merkel gegen Gegenkandidaten

Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende Angela Merkel hatte erst vor wenigen Tagen in vertraulicher Runde davor gewarnt, Ramelow gegen einen Unionsbewerber antreten zu lassen. Das werde nur zu Geschlossenheit von Rot-Rot-Grün beitragen. Mehrere Thüringer CDU-Politiker hatten sich dieser Haltung angeschlossen.

Der Abend zeigt auch: Die Macht von Mike Mohring ist innerparteilich längst nicht so gefestigt, wie es in den vergangen Tagen den Anschein hatte. Jedenfalls aus Sicht der innenparteilichen Gegnern Mohrings. Auch nicht, nachdem Lieberknecht am Dienstagmittag ihren Rückzug von allen exponierten politischen Ämtern in Thüringen verkündet hatte. Mohring, das gilt als sicher, will in nicht einmal zwei Wochen auf einem Parteitag für die Nachfolge Lieberknechts an der Spitze der Landes-CDU kandidieren.

Aus seinem Lager wird diese Lesart zwar vehement zurückgewiesen. Es gebe in der Parteiführung auch keinen Streit über das Vorgehen, heißt es. Die Entscheidung, im ersten Wahlgang keinen Kandidaten zu stellen und alles andere offen zu lassen, sei mit ausdrücklicher Zustimmung Mohrings getroffen worden, heißt es von dort. Was die Kontrahenten aber wiederum nur dazu anstachelt, zu argumentieren, die unscharfe Erklärung des Parteivorstands sei für einen Parteichef in spe mehr als ein bisschen unglücklich. Sie machen weiter mobil gegen ihn, die Gräben sind tief.

Vorwürfe gegen Mohring

Ein Kritikpunkt gegen Mohring lautet, er werde notfalls mit der AfD paktieren, um sich welche Machtoption auch immer zu sichern. Hinzu kommen Vorwürfe, er habe als Vorsitzender eines mit 700 Mitgliedern ziemlich großen Kreisverbandes der Thüringer CDU dessen Mitgliederzahlen verfälscht. Mohring soll "mindestens 119" Männer und Frauen als Mitglieder geführt haben, die verzogen, ausgetreten oder tot seien. Ein entsprechender, aber anonymer Brief liegt der Staatsanwaltschaft Erfurt vor.

Obwohl Mohring und seine Unterstützer die Anschuldigungen zurückweisen und die Staatsanwaltschaft noch prüft, ob sie ermitteln wird, ist die Aufregung in der CDU groß. "Es muss Anspruch eines Kreisvorsitzenden sein, über die Mitgliederentwicklung in seinem Verband genau informiert zu sein", sagt ein CDU-Mitglied. "Das gilt erst recht, wenn er den Anspruch erhebt, Landesvorsitzender zu werden."

Vor allem die kleineren Kreisverbände sehen sich in ihren Vorbehalten gegen Mohring bestätigt. Sie unterstellen ihm unlautere Mittel im Kampf um Einfluss auf die Landespartei. Die Mitgliederzahl eines Kreisverbands spielt dabei nämlich eine entscheidende Rolle.

Die AfD lockt

Wie sich die CDU vor diesem Hintergrund während der Ministerpräsidentenwahl gegenüber der AfD verhalten wird, bleibt damit unklar. Klar ist nur, dass sie die Möglichkeit verpasst hat, sich klar von der AfD abzugrenzen. Die Bundesspitze der Union hat jede Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Auch die abgedankte Christine Lieberknecht steht für diesen Kurs. Deshalb hatte die AfD es ausgeschlossen, bei der Abstimmung über das Amt des nächsten Regierungschefs für sie zu votieren. Mike Mohring hat sie dagegen stets umworben. Nur wenige Stunden vor der Sitzung des CDU-Landesvorstands erneuerte sie das Angebot, für ihn zu stimmen, sollte er bei der Ministerpräsidentenwahl antreten.

Wie relevant dieses AfD-Angebot ist, wird sich nun erst am Freitag entscheiden.