Eine Frau steht vor dem Schloss des deutschen Präsidenten. Sie hat sich in eine weiße Fahne gehüllt gegen die Kälte – und gegen den Krieg, den dieser Präsident da drin, so sieht sie das, provozieren will. Auf der Fahne steht: "Unsere Kinder wollen Leben!" Ja, wer wollte da widersprechen? Ein paar Meter weiter schwenkt ein junger Mann eine russische Fahne. Und auf der Bühne steht der ewige Eugen Drewermann, Theologe und Friedensaktivist seit Jahrzehnten, wirft erst der deutschen Politik Geschichtsvergessenheit vor, um dann zu poltern: "Die Nato ist das aggressivste Bündnis, das die Menschheit je gesehen hat."

Ja, es ist ein merkwürdiges, überbreites und doch sehr schmales Bündnis, das sich hier zusammengefunden hat. Breit ist es, weil anscheinend Alt-Linke und Neu-Rechte darin sehr gut zusammenpassen. Rote Flaggen der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) wehen, daneben steht der Wagen der neuen Montagsmahnwachen, unter deren Dach sich verschiedenste Verschwörungstheoretiker und "Reichsbürger" versammeln. Dazu kommen Mitglieder der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" und Atomkraftgegner, "Radio Castor" fährt ganz hinten im Zug und beschallt die Demonstranten. Ein Mann vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac hält eine Rede und der Vorsitzende der "Naturfreunde" hat ein Grußwort geschickt.

Breit ist das Bündnis auch, weil viele der Aussagen so allgemein sind, dass sie eigentlich gar keinen Effekt haben – außer, diejenigen zu wärmen, die sie äußern. So wie die Frau mit dem "Unsere Kinder wollen Leben"-Umhang. Oder den Mann mit dem "Mut zur Wahrheit – wir sind das Volk"-Schild. Oder den Redner, der die natürlich rhetorische Frage stellt: "Seit wann sind Profite wichtiger als Menschenleben?"

Andererseits ganz eng beieinander und einer Meinung sind sie hier, wenn es um den tatsächlich längst stattfindenden Krieg in der Ukraine geht. Das ist nämlich die Schuld der Nato und der USA. Russland ist das Opfer. Eine Frau hat ein Schild gebastelt, darauf ist das Gesicht des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sehen in der blau-roten "Yes we can"-Optik, die einst Barack Obama berühmt gemacht hat. Darunter steht "Frieden!" und "Achtung! Achtung! An alle Deutschen! Eure Medien lügen! Informiert Euch!". Putin ist der Übervater dieser Proteste.  

Für den Frieden, auf der Seite einer Kriegspartei

Es demonstrieren also 4.000 auch für diesen Präsidenten, der die Krim annektiert, das Völkerrecht gebrochen und Soldaten zur Eroberung in ein fremdes Land geschickt hat. Und gegen den deutschen Präsidenten, der gewagt hat, nur davon zu reden, dass es Situationen geben kann, in denen auch Deutschland militärisch aktiver werden müsste. Ersterer ist für die Menschen hier Hoffnungsträger, der andere ein übler Kriegshetzer. Die größte "Friedensdemo" seit Jahren ist wohl auch deshalb so groß, weil sie sich auf die Seite einer Kriegspartei schlägt.

Ursprünglich hatte auch Sahra Wagenknecht den Aufruf zum "Friedenswinter" mit unterschrieben. Dann sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei ihre Teilnahme an der Demo aber doch ab, "aus terminlichen Gründen". Das war praktisch, denn schließlich gibt es einen Beschluss des Bundesvorstands, in keiner Weise mit den Montagsmahnwachen gemeinsame Sache zu machen. Was die Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke und Diether Dehm aber offenbar nicht davon abhält, es doch zu tun und mit zu demonstrieren.

Neu und anders ist beim "Friedenswinter" im Vergleich zu den herkömmlichen Friedensdemos auch der vermeintlich aufklärerische Gestus. "Könnte es sein, dass der Westen der wahre Terrorist ist?", fragt ein Flyer. Und die Nato benennen sie um in "NAHTOD", das H und das D blutrot eingefärbt. Damit die Leute auf dem Heimweg mal was nachzudenken haben. Die Mahnwachen-Leute verteilen auch lange Listen mit "alternativen Medien", denn "westliche Mainstreammedien verweigern objektive Berichterstattung".