Vertreter aus Ländern, Wirtschaft, Gewerkschaften und Migrantenorganisationen beraten mit Kanzlerin Angela Merkel über Möglichkeiten, die Ausbildungschancen junger Leute aus Zuwandererfamilien zu verbessern. Denn oft sind sie benachteiligt, Bewerbungen mit ausländisch klingenden Namen sortieren Personalchefs oder Handwerksmeister häufiger aus. Hinzu kommt, dass geduldeten Asylbewerbern oft die Abschiebung noch während der Ausbildung droht.

Die Wirtschaft fordert, das zu ändern und mehr Verlässlichkeit zu schaffen. "Es muss sichergestellt werden, dass geduldete Ausländer, die eine Ausbildungsstelle in Deutschland gefunden haben, diese auch abschließen können", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der Passauer Neuen Presse. Das Lernen an einer Schule oder eine begonnene Ausbildung sollte ein dringender persönlicher Grund für die Aussetzung von Abschiebungen sein. "Für die deutsche Wirtschaft sind die Menschen mit Migrationshintergrund eine große Chance", sagte Schweitzer. 

Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte ergeben, dass in Deutschland lebende Ausländer den Sozialstaat im Jahr 2012 um 22 Milliarden Euro entlasteten. Die verbreitete Kritik, der Zuzug aus dem Ausland belaste die öffentlichen Haushalte, erwies sich damit als gegenstandslos. 

Potenzial verschenkt

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland rief Bund und Länder dazu auf, das Potenzial von Flüchtlingen zu erschließen und forderte "einen Paradigmenwechsel", wie Zentralratschef Aiman Mazyek der Rheinischen Post sagte. Flüchtlinge sollten Integrationskurse absolvieren müssen. Zudem sollten ihre Qualifizierungen frühzeitig erfasst und ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt nicht verwehrt werden.

Merkel hatte am Wochenende die Arbeitgeber aufgefordert, das Wissen und die Fertigkeiten von Einwanderern stärker zu nutzen. "Ich denke, wir verschenken immer noch zu viele Potenziale." Es müssten aber auch gute Deutschkenntnisse selbstverständlich sein. "Ein gewisses Eigenengagement muss schon da sein, anders wird das nichts."   

Auf Foto verzichtet

Um Nachteile für Bewerber ausländischer Herkunft zu vermeiden, verlangten die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die Türkische Gemeinde in Deutschland, umfassend anonyme Bewerbungen einzuführen. Junge Migranten hätten auch bei gleicher Qualifikation geringere Chancen, wenn ihre ausländische Herkunft schon auf dem Papier erkennbar wird, hieß es in einem gemeinsamen Appell, aus dem der Kölner Stadt-Anzeiger zitierte. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, sagte, kein Arbeitgeber könne es sich leisten, in Zeiten des Fachkräftemangels Bewerbende auszuschließen. Bei anonymen Bewerbungen wird in der ersten Phase auf Angaben wie Name, Geschlecht, Alter sowie auf ein Foto verzichtet.

Bei Bildung, Ausbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt sind Ausländer im Vergleich zu Deutschen noch deutlich im Hintertreffen. So bleiben 30,5 Prozent der ausländischen jungen Menschen ohne Berufsabschluss – dreimal so viele wie junge Deutsche. Jeder fünfte Deutsche hat eine Zuwanderungsgeschichte – das sind etwa 16 Millionen Bürger. Die größten Gruppen sind Menschen türkischer und polnischer Herkunft.

Integrationsgipfel - Merkels Video-Podcast zur Ausbildung junger Migranten

Der Tag des Integrationsgipfels beginnt mit dem Besuch der Berliner Verkehrsbetriebe, wo sich unter anderem Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz (SPD) über die Situation junger Zuwanderer informieren will. Das Unternehmen wirbt aktiv um Lehrlinge mit nichtdeutschem Hintergrund. Im vergangenen Jahr kamen 29 Prozent der Auszubildenden dort aus Einwandererfamilien. Am Mittag beginnt die Beratung in großer Runde. Am Tisch im Bundeskanzleramt sitzen Vertreter muslimischer Verbände, der Wirtschaft und der Politik. Für die Bundesregierung sind neben der Integrationsbeauftragten Özoğuz, Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) dabei. Es geht darum, Jugendlichen mit Migrationshintergrund größere Chancen am Ausbildungsmarkt zu eröffnen.

Das Treffen im Kanzleramt ist bereits das siebte dieser Art. Merkel hatte das Thema Integration 2006 zur Chefsache gemacht und damals zum ersten Gipfel eingeladen. Der Integrationsgipfel 2013 hatte bereits die Integration von Einwanderern in den Arbeitsmarkt zum Thema. Kritiker beklagen, die Veranstaltung liefere zu wenig konkrete Ergebnisse und habe nur Symbolcharakter.