Pegida-Anhänger in Düsseldorf © Sean Gallup/Getty Images

Heute werden sich wieder viele Journalisten auf den Weg in die sächsische Hauptstadt machen, auch Reporter von ZEIT und ZEIT ONLINE und selbst internationaler Medien. Sie wollen erkunden, was dort seit Wochen jeden Montag Tausende in wachsender Zahl auf die Straße treibt. Wer sind diese angeblichen europäischen Patrioten, die gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes demonstrieren? Sind es alles gefährliche Fremdenfeinde, die als nächstes Asylbewerberheime angreifen werden? Oder sind es in Wahrheit verunsicherte, verführte, ziemlich antieuropäische (ost-)deutsche Spießbürger, die sich gegen Einwanderung, "Überfremdung" und sonstige diffuse, als bedrohlich empfundene Veränderungen wehren?

Und wieso gerade jetzt?

Es sind schwer zu beantwortende Fragen. Das Eigentümliche an diesen Aufmärschen – neben ihrem merkwürdigen Motto und der Tatsache, dass sie praktisch aus dem Nichts entstanden sind – ist, dass sie ohne klare Zielrichtung daherkommen. Ein Positionspapier, das die Organisatoren am Freitag veröffentlicht haben, umfasst ein Sammelsurium an teils ausländerfeindlichen, zum Teil scheinbar asyl- und flüchtlingsfreundlichen Punkten, aber auch Forderungen wie die Ablehnung von "Gender-Mainstreaming" oder den Ruf nach mehr Stellen für die Polizei.  

Ansonsten verweigern die Demonstranten die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, an die sie sich ja eigentlich richten, weil sie den Mainstream-Medien genauso misstrauen wie der Politik. Die Berichte über die Pegida-Bewegung, von der nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt eine ist, ähneln daher Erkundungsmissionen zu einem fremden, merkwürdigen Stamm, dessen Sprache man nicht kennt. Politiker, die sich aus der Ferne einen Reim auf dieses neue Phänomen zu machen versuchen, sind ebenfalls auf Mutmaßungen angewiesen. Und deshalb auch noch nicht weit gekommen.

Die Frage allerdings ist, ob man darauf überhaupt so viel Aufmerksamkeit verwenden sollte. Trotz kontinuierlich steigender Teilnehmerzahl ist Pegida von einer Massenbewegung weit entfernt. Bislang beschränkt es sich im Wesentlichen auf Dresden. Versuche, nennenswerte Ableger in anderen Städten zu gründen, sind gescheitert. Und vor einer Woche haben annähernd gleich viele Menschen an einer Gegendemonstration teilgenommen.

Jüngste Umfragen zeigen zudem, dass die Akzeptanz von Einwanderung und der Einwanderer in Deutschland insgesamt steigt. Und selbst wenn am Wochenende gemeldet wurde, dass jeder dritte Deutsche angeblich die Sorge der Pegida-Anhänger teilt: Was ist mit den übrigen zwei Dritteln? 

Wut darüber, verloren zu haben

Vielleicht rührt der verstockte Zorn der Dresdner Demonstranten wie anderer, die ähnlich ticken, ja in Wahrheit daher, dass sie das Gefühl teilen, verloren zu haben. Sie spüren, dass sie die Veränderungen der Gesellschaft nicht aufhalten können. Das frustriert sie, das macht ihnen große Angst.

Irrationalen Ängsten kann man jedoch mit rationalen Argumenten und Erklärungsversuchen nicht begegnen. Es hilft deshalb vermutlich wenig, den Islam-Gegnern entgegenzuhalten, dass es in Sachsen nur zwei Prozent Muslime gibt und dass keinerlei Gefahr besteht, dass die Scharia in Deutschland Gesetz wird. Genauso wenig wie man alte Menschen, die sich im Dunkeln fürchten, beruhigen kann, indem man ihnen erklärt, dass sie nach der Kriminalitätsstatistik kaum befürchten müssen, überfallen zu werden.

Man sollte die Pegida-Demonstationen deshalb zwar weiter beobachten. Doch richtig ernst nehmen, wie es zum Beispiel Bundesinnenminister Thomas de Maizière fordert, muss man sie bisher nicht, jedenfalls solange sie friedlich bleiben und die Proteste nicht von rechten Gewalttätern usurpiert werden. Schon gar nicht sollte man sie überschätzen. Jeder kann in Deutschland für und gegen (fast) alles demonstrieren. Aber keiner hat ein Recht darauf, dass ihm die Gesellschaft in seiner Stammtischwut zuhört oder gar folgt.