25 Jahre nach der auch und gerade in Dresden so erfolgreichen ostdeutschen Revolution ziehen scharenweise Menschen durch die Elbstadt, 15.000 waren es am gestrigen Montagabend. Was die "Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes" eint, ist aber gerade nicht der Kampf für Freiheit und Freizügigkeit, gegen Mauern an Landesgrenzen und in den Köpfen. Deshalb ist es zynisch, Pegida nun in die Tradition von 1989 stellen zu wollen, wie es auch der AfD-Sprecher Konrad Adam tut, wenn er die Demonstranten als eine Reaktion auf "die jahrzehntelange Gängelei durch Medien und Altparteien" verklärt.

Pegida steht in einer viel traurigeren, sächsischen Tradition. Nirgendwo in Deutschland ist die Ablehnung des Anderen tiefer in Politik und Kultur verankert als in diesem Bundesland. Sei es fremd, sei es links, sei es irgendwie modern. Da kann die Ruine der Frauenkirche noch so sehr mahnen, wozu die "christlich-abendländische Tradition", auf die sich Pegida beruft, auch fähig gewesen ist. Mit ultrakonservativen, ins extrem Rechte reichenden Parolen wird in Sachsen schon seit den neunziger Jahren Politik gemacht. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, also die feindselige Einstellung gegenüber Menschen, die religiös, sozial, ethnisch, lebensstilistisch von dem abweichen, was man selbst für sich zur Norm erklärt, ist in Sachsen eine normale und relevante Position in der politischen Auseinandersetzung. Im Parlament steht dafür bisweilen die CDU, vor allem aber die NPD und inzwischen die AfD.

Erinnert sei an das Jahr 1991, als vom sächsischen Hoyerswerda aus eine ganze Reihe von ausländerfeindlichen An- und Übergriffen die Bundesrepublik erschütterte. Erinnert sei aber auch an den ehemaligen sächsischen CDU-Justizminister und Bundespräsidentschaftskandidaten Steffen Heitmann, der 1993 zu Protokoll gab, es gäbe in Deutschland "eine intellektuelle Debattenlage, die nicht unbedingt dem Empfinden der Mehrheit der Bürger entspricht, die man aber nicht unbestraft verlassen kann. Und dazu gehört das Thema Ausländer". Bundespräsident durfte er danach nicht mehr werden, in Sachsen ministrabel blieb er gleichwohl. Leipzig erlangte in den Neunzigern mit braunen Aufmärschen zum und am Völkerschlachtdenkmal traurige Berühmtheit. Und nicht zuletzt versteckten sich die NSU-Terroristen mehr als ein Jahrzehnt in sächsischen Städten.  

Wer Nazi-Demos nicht hinnehmen will, gilt als totalitär

Dass trotzdem lange keine rechtsextremen Parteien im Landtag saßen, lag an der CDU und ihrem Nachwuchs, die sich bis heute "Junge Union Sachsen und Niederschlesien" nennen. Sie ließen zehn Jahre einfach keinen Platz rechts von sich. Noch im Jahr 1999 scheiterten offen rechte Parteien in Sachsen – allerdings nur an ihrer Zersplitterung. Schließlich gelang es der NPD 2004 mit 9,2 Prozent fast auf die SPD aufzuschließen. Mit einer solchen Zustimmung im Rücken schwadronierten die Abgeordneten im Folgejahr vom "Bomben-Holocaust" und beorderten rechte Kräfte aus dem ganzen Bundesgebiet Jahr für Jahr in die sächsische Hauptstadt, um diese als rechten Erinnerungsort zu instrumentalisierten.

Im Gegenzug gelten vielen im Land diejenigen, die sich gegen die Rechten und ihre Aktionen stellen, gleich als "linksextrem" und totalitär. Selbst die Justiz scheint das so zu sehen. Der Pfarrer Lothar König wird wegen seiner Proteste gegen Nazi-Aufmärsche verklagt, dasselbe Dresdner Amtsgericht will jetzt Bodo Ramelows parlamentarische Immunität wegen rechtlicher Streitigkeiten infolge einer Demo gegen rechts aufheben – Mosaiksteine einer sächsischen Debattenlage, in der antifaschistische Zivilcourage unter Generalverdacht gestellt wird. Die perfide Argumentation: Wer Nazi-Demos nicht einfach hinnimmt, ist ein Feind der freien Meinung, also ein Totalitärer und somit keinen Deut besser.

In Sachsen feiert diese unterkomplexe Spielart der Totalitarismustheorie der Gleichsetzung von links und rechts fröhliche Urstände. Die Speerspitzen dieses wissenschaftlich höchst umstrittenen Denkens, Uwe Backes und Eckhard Jesse, lehren bzw. lehrten am Dresdener Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung und an der TU Chemnitz. Mitten in der rechten politischen Kultur Sachsens haben sie sich der "Linksextremismusforschung" verschrieben.