Während Pegida in Dresden immer weiter wächst, schrumpft die Gruppe derjenigen, die in der sächsischen Hauptstadt dagegen auf die Straße gehen. Am Montagabend waren es 17.500 Menschen, die zur letzten Kundgebung in diesem Jahr nach Dresden kamen, wieder 2.500 mehr als vergangene Woche. Sie wollten ein bisschen Weihnachtslieder singen und viel schimpfen: Auf die angeblich drohende Islamisierung, die Asylbewerber, die Politik, die vermeintliche Lügenpresse. Hinter einer Reihe Polizeiwagen standen die anderen, die Gegendemonstration. Viel jünger, viel linker – und viel weniger. 4.500 waren es dieses Mal.

Dagegen demonstrierten in München 12.000 Menschen gegen ein Pegida, das es dort gar nicht gibt. In Bonn waren 2.500, in Kassel 2.000 Menschen bei Protesten gegen Pegida-ähnliche Demos. Sie halten das anscheinend für nötig. Was ist in Dresden anders?

Viele dort, die Pegida für falsch halten, wollen lieber nicht weiter polarisieren. Am Tag danach sagt der Sprecher des Bündnisses Dresden für Alle, er halte nicht viel von diesem "Zahlenspiel", wer mehr auf die Straße bringt, die oder wir. Eric Hattke findet, wichtiger sei der Dialog.

Es ist nicht so, dass Dresden nichts tut. Die Semperoper zum Beispiel hat seit Wochen schon Fahnen auf dem Vorplatz gehisst. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" steht auf einer, und auf den anderen: "Augen auf", "Herzen auf", "Türen auf". Lange Zeit hing auch ein riesiges Transparent an der Fassade, "für ein weltoffenes Dresden". Das mussten sie dann aber abnehmen, "aus baurechtlichen Gründen, weil es so stürmte", sagt Opernsprecherin Christine Diller. "Aber es war klar, dass wir nicht einfach eine Kulisse sein wollten für Pegida." Also kamen sie auf die Idee mit der Beleuchtung. "Das ist ja das allereinfachste, einfach das Licht ausmachen", sagt Diller. Und so standen die wütenden Patrioten abends im Halbdunkel einiger Laternen, statt vor der golden ausgeleuchteten Oper.

Dialog als Hoffnung

Ein Symbol nur? Ja, was auch sonst. Viele Dresdner, die nicht Pegida sind, versuchen in diesen Wochen einen Spagat. Ablehnen, was an Pegida ausländerfeindlich ist, aber auf diejenigen zugehen, die da jeden Montag rumstehen – also mit ihren Füßen der Ausländerfeindlichkeit doch zustimmen; aber denen es doch vielleicht um etwas anderes geht, um Sorgen und Ängste; die es vielleicht gar nicht so meinen und die das vielleicht einsehen, wenn man mit ihnen redet und sich um sie kümmert. "Wir sollten das Angebot des Dialogs aufrechterhalten", sagt Bündnis-Sprecher Eric Hattke, der 23 Jahre alt ist und in Dresden Philosophie studiert. "Dann werden die schon früher oder später darauf eingehen."

Das ist auch bemerkenswert, weil Eric Hattke über 80 Droh-Mails bekommen hat, seit er sich gegen Pegida engagiert. Nachrichten, die nicht nach Dialog klingen, und wegen denen er zur Polizei gegangen ist. Hattke sagt trotzdem: "Die verstehen sich als bürgerliches Bündnis, wir verstehen uns als bürgerliches Bündnis, und dann müssen wir als Bürger den Dialog führen."

Man kann das komisch finden und vielleicht verharmlosend. Man kann dem Studenten aber auch sehr hoch anrechnen, dass er sich beschimpfen lässt ohne zurückzuschimpfen.

Ähnlich wie Hattke geht Clemens Kirschbaum die Sache an. Vor einigen Wochen saß er mit zwei Freunden abends zusammen und ärgerte sich über Pegida. "Unser Gefühl war, man müsste doch mal was machen, anstatt nur zuzuschauen, wie so etwas vor unseren Augen entsteht", erzählt Kirschbaum, der Professor für Biopsychologie an der TU Dresden ist.

Sie haben dann einen Aufruf zur "Deeskalation" geschrieben unter dem Titel: "Ängste ernst nehmen – Not lindern – Weltoffenheit leben". Den haben sie an Freunde und Bekannte gesendet, um Geld für eine ganzseitige Anzeige mit dem Aufruf in der Sächsischen Zeitung zu sammeln. Ein paar Tage später hatten sie mehr als 25.000 Euro eingesammelt: "Die Reaktion war überwältigend", erzählt Kirschbaum. Sie schalteten die Anzeige in jeder Zeitung und haben nun immer noch weit mehr als 10.000 Euro übrig, mit denen sie nun Asylbewerbern helfen wollen. Sie wollen Deutschbücher kaufen und Projekte fördern, bei denen Asylbewerber und Dresdner zusammenkommen.