Es steht Aussage gegen Aussage: Um seine Version der Geschehnisse zu belegen, hat Sebastian Edathy im stern Handynachrichten führender SPD-Politiker veröffentlicht. So will der wegen Kinderpornografie-Ermittlungen zurückgetretene Politiker beweisen, dass ihn Parteikollegen vor den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes (BKA) gewarnt haben. Die Kommunikation soll auch belegen, dass einige Parteikollegen nicht die Wahrheit sagen, wenn es um die Geschehnisse zwischen Mitte Oktober 2013 und Mitte Februar 2014 geht, allen voran SPD-Politiker Michael Hartmann und der heutige Fraktionschef Thomas Oppermann.

Glaubt man Edathy, dann hat die Spitze der SPD taktiert, um den Skandal während der Koalitionsverhandlungen mit der Union möglichst klein zu halten. Glaubt man der anderen Seite, dann ist Edathy ein unglaubwürdiger Mann mit dem Rücken zu Wand, der versucht, ein letztes bisschen Kontrolle über sein Leben zu wahren.

Edathy behauptet, der Abgeordnete Hartmann habe ihn im November 2013 auf dem Parteitag in Leipzig über Ermittlungen des BKA im Zusammenhang mit Kinderpornografie informiert. Das soll Edathy gegenüber dem stern mit einer eidesstattlichen Erklärung untermauert haben. Hartmann soll demnach seine Informationen vom damaligen BKA-Chef Jörg Ziercke gehabt haben. Das dementieren beide, die Weitergabe einer solchen Information wäre wohl rechtswidrig gewesen. Edathy zufolge habe Hartmann allerdings ihn in den Wochen danach immer wieder mit Details zum Stand der Untersuchung versorgt, über die Teile der SPD-Spitze längst Bescheid wussten.

Oppermann befürchtete Suizid

Vor allem Oppermann, damals Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, steht durch die veröffentlichte Kommunikation unter Druck. Er soll schon Mitte Oktober von Parteichef Sigmar Gabriel von den Ermittlungen gegen Edathy erfahren und in den folgenden Wochen nicht immer die Wahrheit gesagt haben. Er habe Oppermann Anfang November per SMS um ein Gespräch gebeten, sagte Edathy dem stern. "Hartmann erzählte mir, Oppermann habe ihm nach meiner SMS klargemacht: ‚Wenn du Edathy etwas sagst, sorge ich dafür, dass du mit drinhängst‘." Hartmann und Edathy hatten ein enges Verhältnis, das wusste auch Oppermann. Und: Offenbar war Oppermann auch bewusst, dass Hartmann über die Ermittlungen informiert ist. Das aber hat der SPD-Politiker verschwiegen. Er dementiert es im stern sogar.

Laut Edathy soll Oppermann sogar mit seinem Suizid gerechnet habe. Am Tag der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin im Dezember 2013 soll er zu Hartmann gesagt haben: "Falls sich Sebastian umbringt, wie positionieren wir uns gegenüber den Medien?" Das habe ihm Hartmann erzählt, so Edathy. Oppermann dementierte das.

In Teilen der SPD wird Edathy nun unterstellt, er wolle durch seine Anschuldigungen von seiner eigentlichen Tat ablenken. Oppermann sagte, er halte die bisherigen Äußerungen für unglaubwürdig. "Das sieht nach einer Verzweiflungstat aus." Edathy habe "mehrere Versionen seiner Darstellung" geliefert, das sei nicht glaubhaft. Auch SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi hat Zweifel an der Glaubwürdigkeit des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten. "Ich bin sehr überrascht über die Aussagen von Sebastian Edathy, sie stehen im drastischen Gegensatz zu seinen bisherigen Einlassungen", sagte sie der Welt. "Offenkundig möchte Herr Edathy damit das Spektakel vorbereiten, das am Donnerstag vor der Bundespressekonferenz und im Bundestagsausschuss droht", sagte Fahimi. 

Edathy will Untersuchungsausschuss informieren

Auch die Vorsitzende des Untersuchungsausschusses zur Edathy-Affäre, die SPD-Abgeordnete Eva Högl, warf Edathy vor, mit der Anschuldigung gegen Hartmann seinen eigenen Aussagen widersprochen zu haben. So habe er zunächst angegeben, aus den Medien von den Ermittlungen im Zusammenhang mit einem kanadischen Kinderpornoversand erfahren zu haben, dessen Kunde er war. Nun sage er, Hartmann habe ihn informiert. Dies sei ein "direkter Widerspruch", so Högl.

Edathy und Hartmann sollen an diesem Donnerstag beide als Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagen. Der Ausschuss soll aufklären, ob und wer unerlaubt Informationen zu den Ermittlungen weitergegeben hatte und ob Edathy aufgrund der Warnung möglicherweise belastendes Material beseitigen konnte. Nach Informationen des stern will Edathy dem Ausschuss seine SMS-Kommunikation mit der SPD-Partei- und Fraktionsspitze und mit Hartmann vorlegen. Noch vor der Ausschussvernehmung will sich Edathy vor der Presse äußern. 

Der Prozess gegen ihn wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften beginnt am 23. Februar vor dem Landgericht Verden.