Genau eine Woche vor dem CDU-Parteitag hat Jens Spahn mal wieder Journalisten eingeladen. Das tut der junge Politiker öfter, meistens geht es dann um Gesundheitspolitik. Schließlich ist der 34-Jährige, der bereits seit 2002 im Bundestag sitzt und seit fünf Jahren gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist, einer der profiliertesten Kenner dieser komplizierten Materie.

Diesmal allerdings geht es um etwas anderes. Es geht um ihn selbst. Denn der Mann mit den gut sitzenden Anzügen und der markanten Hornbrille hat etwas vor, was bei Deutschlands Christdemokraten durchaus Seltenheitswert hat: Er wagt den offenen Machtkampf.

Wenn sich am kommenden Montag 1001 CDU-Delegierte in Köln zum Parteitag versammeln werden, will Spahn sich ins Präsidium der CDU wählen lassen. Doch diesmal gibt es für die sieben Beisitzer-Plätze in dem Führungsgremium einen Kandidaten zu viel.

Sechs der Bewerber gehörten auch bisher schon zum Präsidium, der siebte Platz wurde frei, weil der bisherige Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, nicht mehr antritt. Der mächtige Landesverband Nordrhein-Westfalen, der auf dem Parteitag ein Drittel der Delegierten stellt, hat für diesen Posten den 53 Jahre alten Gesundheitsminister Hermann Gröhe nominiert, einen engen Gefolgsmann von Parteichefin Angela Merkel. Doch Spahn, ebenfalls Nordrhein-Westfale, ließ sich davon nicht abschrecken.

Keine Marginalie

"Es gibt in unserer Partei viele profilierte Politiker unter 40", sagt er. Das müsse doch auch im Präsidium sichtbar werden. Dessen Durchschnittsalter liegt derzeit bei 54 Jahren. Vorgeschlagen wird Spahn von der Jungen Union, außerdem hat er sich die Unterstützung der wirtschaftsnahen Mittelstandsvereinigung der Partei gesichert.

Für die CDU ist die Personalie Spahn durchaus keine Marginalie. Ob Spahn es schafft oder nicht, könnte schließlich ein wichtiges Indiz dafür sein, wie sie mit ihren Jungen umgeht. Angesichts der überalterten Mitgliederschaft keine unwichtige Frage.

Doch es geht um mehr. Spahns Erfolg oder Misserfolg könnte auch so etwas wie ein Gradmesser dafür sein, wie es um die Zufriedenheit in der Partei ganz allgemein bestellt ist. Äußerlich gesehen geht es der CDU zwar so gut wie lange nicht. Sie stellt im neunten Jahr in Folge die Kanzlerin und liegt in den Umfragen stabil bei rund 40 Prozent.  

Doch es gibt durchaus auch Anlass zur Sorge. Auf Länderebene ist die Partei nämlich ausgesprochen schlecht aufgestellt. Nur in sieben von 16 Bundesländern regiert die CDU noch mit, die SPD dagegen in 14. Das hat vor allem damit zu tun, dass die CDU – wie zuletzt in Thüringen – Schwierigkeiten hat, einen Koalitionspartner zu finden. Ein Problem, das sich 2017 auch im Bund stellen könnte.

Was kommt nach Merkel?

Hinzu kommt, dass Projekte wie Frauenquote, Mindestlohn und Rente mit 63 zwar in der Bevölkerung gut ankommen, bei vielen Christdemokraten selbst aber auf wenig Gegenliebe stoßen. Und hinter all dem steht die bange Überlegung, was von der CDU noch übrig sein wird, wenn sie eines Tages ohne die bisherige Parteivorsitzende, die immerhin als wichtigste Frau der Welt gilt, auskommen muss.

Es sind Fragen und Ängste, die der Abgeordnete Jens Spahn in der Vergangenheit immer wieder thematisiert hat. Denn in der braven CDU ist er fast schon ein Aufrührer: Im Dezember vergangenen Jahres gehörte er zu den Initiatoren eines parteiinternen Netzwerkes, das sich CDU 2017 nennt und die inhaltliche Debatte über Zukunftsfragen vorantreiben will. Im April wurden Eckpunkte für eine Agenda 2020 vorgestellt. Beides wurde als – wenn auch freundlich verpackte – Kritik an Merkels Regierungspolitik wahrgenommen.

Dass Deutschland in der derzeitig guten wirtschaftlichen Situation nicht bequem werden dürfe, sondern dass nun der Grundstein für den Wohlstand der Zukunft gelegt werden müsse, gehört zu Spahns Standardsätzen. Auch die Generationengerechtigkeit liegt ihm am Herzen. Dass er die Rente mit 63 für ein "völlig falsches Signal" hält, daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Im Bundestag hat er dann doch zugestimmt.

Ganz so wild ist der Rebell Spahn nämlich nicht. Ein wenig spöttisch fast hat ihm Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble denn auch kürzlich im Spiegel entgegengehalten: "Ich war viel schlimmer als Sie."