Menschen haben dagegen demonstriert, dass ein rot-rot-grünes Bündnis heute den ersten linken Ministerpräsidenten wählt. 2.000 waren deswegen nach Erfurt gekommen. Es war pathetisch – und persönlich.

Zum Beispiel Alexander Heber. Ganz hinten steht er, wo ihn wütende Reden gerade noch erreichen, seine Kerze hält er mit beiden Händen fest. 32 Jahre alt ist Heber, ein junger Anwalt aus Erfurt. Als die Mauer fiel, und die SED endlich scheiterte, war er sieben. Vor ein paar Tagen war es genau 25 Jahre her, dass er mit seinem Vater das erste Mal in den Westen gefahren ist, ins nordhessische Eschwege. "Ich war ganz fasziniert von den hellen, sauber gestrichenen Häusern und den Leuchtreklamen", erinnert er sich. "Erst danach ist mir aufgefallen, wie marode die DDR eigentlich war."

Alexander Heber ist froh, der DDR und der SED entkommen zu sein. Deshalb steht er jetzt hier, auf einem dunklen Platz hinter dem thüringischen Landtag in Erfurt, zusammen mit 2.000 anderen, und demonstriert gegen einen Ministerpräsidenten der Linkspartei. Und gegen SPD und Grüne, die diesen Ministerpräsidenten wählen wollen. Zwischen Heber und der Bühne weht groß das Plakat "Wer will uns verraten – Sozialdemokraten", daneben hat einer auf ein Schild gemalt: "SPD und Grüne – die neuen Blockflöten". Und ganz am Rand raunt ein Banner "Wehret den Anfängen!".

Anfänge? Nein, es geht hier um Vergangenes. Um Geschichtspolitik. Vor 25 Jahren starb die SED nicht ganz, die PDS und später die Linkspartei traten ihre Nachfolge an, nahmen Geld mit, Personal, und die Wähler natürlich auch. Wenn also am Vormittag Bodo Ramelow von den Abgeordneten der Linkspartei, der SPD und der Grünen zum Regierungschef gewählt werden soll, dann bedeutet das für die Demonstranten hier: Die SED ist zurück. Und mit ihr die Stasi und die Diffamierungen, die Mauer und die Mauertoten, das ganze kaputte, verbrecherische System. Sie demonstrieren in dieser Gegenwart gegen die Gespenster der Vergangenheit.

Es sind auch ehemalige Stasi-Spitzel dabei

Ist das absurd? Bodo Ramelow ist nun wirklich kein Weltrevolutionär, er ist noch nicht mal ein Provinzrevolutionär. Mit dem Wort Sozialismus kann er wenig anfangen, der Koalitionsvertrag, den er mit SPD und Grünen ausgehandelt hat, ist ein sehr sozialdemokratisches Sammelsurium an sehr konventionellen Projekten. Die DDR wird nicht zurückkommen. Einerseits.

Andererseits sind da Ina Leukefeld und Frank Kuschel. Einst Stasi-Spitzel, heute Abgeordnete der Linkspartei. Regierungsämter bekommen sie nicht, das immerhin, Macht haben sie trotzdem. Auch jetzt, bei der Ministerpräsidentenwahl. Weil Rot-Rot-Grün nur eine Stimme Mehrheit hat, hängt die Regierungsbildung und später jede Abstimmung über Inhalte auch an den Stimmen dieser beiden Ex-Stasi-Leute. Die alten Gespenster sind jetzt wieder sehr gegenwärtig.

Es ist bereits die zweite Demo gegen das Linksbündnis, am 9. November waren 5.000 in der Altstadt, darunter auch 30 Nazis. Das sorgte für Aufregung, weil nun wiederum die andere, die linke Seite, ihren Alptraum wahr werden sah: CDU, AfD, Nazis – die neue Rechtsfront.

Das war wohl schon vor einem Monat eher Hysterie, heute ist es das bestimmt. Die Demonstranten tragen Kerzen statt Fackeln, ein paar Deutschlandfähnchen höchstens. Viele ältere Menschen sind dabei, in Wollmantel oder Funktionskleidung, aber auch junge und ein paar Familien. Die Polizei hatte mit 4.000 gerechnet, auf noch mehr hatten die Veranstalter gehofft, gekommen ist etwa die Hälfte davon.