Ein Polizeiwagen steht vor dem Redaktionsgebäude dertaz in Berlin, ein anderer ein paar Ecken weiter vor den Redaktionen von Tagesspiegel und ZEIT ONLINE. Auch im Regierungsviertel ist eine Reaktion auf das Attentat von Paris zu spüren, wenn auch dezent: Ein paar Polizisten mehr als sonst patrouillieren vor den Botschaften und vor dem Bundestag.

Die deutsche Öffentlichkeit steht unter Schock, seitdem am Mittwoch drei Männer in die Pariser Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo eindrangen, zwölf Menschen töteten und elf verletzten. An der Sicherheitslage hierzulande hat sich laut Experten kaum etwas geändert. Dennoch: "Ein solcher Anschlag ist auch in Deutschland nicht auszuschließen", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dem ZDF. Die deutschen Sicherheitsbehörden seien dabei, "die Maßnahmen hochzufahren". Es sei nicht klug, öffentlich zu sagen, was genau wie und wo gemacht werde, sagte de Maizière. 

Nach Angaben einer Sprecherin des Bundesinnenministeriums gibt es "keine konkreten Hinweise auf vergleichbare Anschlagsplanungen in Deutschland". Es gebe aber seit Längerem eine "abstrakt hohe Gefährdung", Ziel eines islamistischen Anschlags zu werden.   

"Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich die Bedrohungslage immer wieder in Wellen bewegt", sagt Marwan Abou-Taam, Experte für Terrorismusbekämpfung und islamischen Fundamentalismus beim rheinland-pfälzischen Landeskriminalamt (LKA).

Eine konkrete Anschlagswarnung verkündete de Maizière im Herbst 2010. Damals wandte er sich an die Öffentlichkeit, nachdem ein deutscher Islamist aus Pakistan bei den deutschen Sicherheitsbehörden angerufen und mit Anschlägen unter anderem auf den Reichstag gedroht hatte. Es wurde unter anderem die Reichstagskuppel für Touristen und Besucher abgeriegelt – aus Sicherheitsgründen. Heute gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann Unsinn erzählte.

Die Bedrohungslage ist schwer greifbar

Solch konkrete Hinweise haben die deutschen Sicherheitsbehörden derzeit nicht vorliegen. Die Bedrohungslage ist sehr viel schwerer greifbar. Der Verfassungsschutz fürchtet schon länger Anschläge durch Einzeltäter, die sich schnell und unbemerkt radikalisiert haben. Eine derartige Attacke sei selbst durch noch so gute Polizeiarbeit nicht zu verhindern.

Schon vor dem Anschlag in Paris wurden sogenannte Syrien-Rückkehrer als besonders gefährlich eingeschätzt. Das Bundesinnenministerium geht davon aus, dass mindestens 550 Menschen aus Deutschland nach Syrien und in den Nordirak gereist sind, um dort an der Seite des "Islamischen Staats" (IS) zu kämpfen. Die Dunkelziffer könnte deutlich höher liegen. "Manchmal werden die Geheimdienste erst auf jemanden aufmerksam, wenn dieser Bilder aus Syrien bei Facebook postet, also schon vor Ort ist", sagt eine Ministeriumssprecherin. Es ist nicht klar, ob die Attentäter von Paris in Syrien waren. Einer der Tatverdächtigen, Chérif K., war 2008 jedoch zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, weil er dabei geholfen hatte, Kämpfer in den Irak zu schleusen.

Die Gefahr gehe zwar nicht nur von solchen Rückkehrern aus, aber sie seien besonders enthemmt durch das Training im Krieg, sagt der LKA-Experte Abou-Taam. "Jemanden kaltblütig in den Kopf zu schießen, wie es in dem Video aus Paris zu sehen ist, erfordert eine enthemmte Gewalt," sagt er.