Das Büro von ZEIT ONLINE in Berlin © ZEIT ONLINE

Am frühen Morgen nach dem Attentat standen Polizisten im Berliner Newsroom von ZEIT ONLINE und fragten, ob es uns gut gehe. Wir waren uns nicht sicher.

Tags zuvor hatten wir in einer Konferenz gerade mehrere Themenserien angestoßen: zu Michel Houellebecqs neuem Roman über Frankreich als islamistischem Staat, zum Zusammenhang von Islam und Islamismus, zu Pegida und dem Auseinanderdriften Europas. In diese Konferenz trafen die ersten Berichte über die grauenhaften Ereignisse in Paris. Während der Schock in unsere Runde einsickerte, trat zu der Frage "Was machen wir jetzt?" eine zweite: "Was macht das mit uns?" Wir schauten nach draußen.

Der Newsroom von ZEIT ONLINE liegt ebenerdig im Berliner Regierungsviertel und hat rundum Glaswände. Täglich strömen Besuchergruppen vorbei und winken, Neugierige bleiben stehen und  blicken auf Entwürfe für den Relaunch auf dem Bildschirm des Art Directors. Besuchern erklären wir, dass wir diese Räume lieben, weil sie unser Verständnis von Onlinejournalismus ausdrücken: Wir sind transparent; wir können nie vergessen, für wen wir arbeiten; wir stehen auf einer Stufe mit unseren Lesern; wir sind erreichbar.

Und damit verwundbar. Manche wünschten sich plötzlich in eine jener entrückten Raumstationen, die deutsche Verlage neuerdings am Stadtrand errichten.

Parolen oder Tiergedärm an Redaktionsgebäuden

Die Terroristen von Paris haben vielleicht gewonnen. Sie haben vielen Journalisten Angst gemacht, auch uns. In diesem Jahrhundert haben sich in Zentraleuropa die Mittel zur Einschüchterung ganzer Redaktionen meist auf Worte, Symbolhandlungen und kleine Zwischenfälle beschränkt: Schmähungen in Briefen oder Onlinekommentaren, Parolen oder Tiergedärm an Redaktionsgebäuden. Hinzu kommt nun eine neue Sorge: Können auch wir attackiert werden, wenn wir Karikaturen veröffentlichen oder den falschen Beitrag? Werden wir unseren Journalismus verändern, aus Angst um unser Leben?

Früher erschraken Redaktionen, wenn Polizisten in ihre Büros kamen und fragten sich, welches vertrauliche Material die Einsatzkräfte zu beschlagnahmen suchten. Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, der sein Magazin als in Medienkommentaren gerne zitiertes "Sturmgeschütz der Demokratie" gegen den Staat in Stellung brachte, ließ sich demonstrativ von ihnen abführen. Spätestens seit gestern sind wir froh, wenn Ordnungshüter hin und wieder vorbeischauen und mit Maschinenpistolen und Panzerwesten vor unserem Haus in Stellung gehen.

Eine verkehrte Welt für Journalisten: Der Staat muss unser kleines Sturmgeschütz sichern, und wir fragen uns leicht paranoid, auf welcher Seite der Barrikaden der eine oder die andere steht, die an unserer Glaswand vorbeikommen.

Was heißt das für den Journalismus? In jener Konferenz, die wir nie vergessen werden, war dies eine weitere Frage. Waren die Thesen, die wir kurz zuvor formuliert hatten, jetzt reif für den Papierkorb auf unseren Bildschirmen? Waren die gerade diskutierten, vorsichtigen Ansätze zur Analyse sowohl des Islamismus als auch des Antiislamismus jetzt hinfällig? Hatten wir die Gefahren bisher kleingeredet?