Jörg Ziercke ist ein Medienprofi. Als der Ex-BKA-Chef  am Montagnachmittag den Anhörungs-Saal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus betritt, wo er von zahlreichen Kameras erwartet wird, setzt er ein breites Lächeln auf. Sollte er angespannt sein, so will er sich das wenigstens nicht anmerken lassen.

Dabei darf man ziemlich sicher sein: Spaß macht ihm das hier nicht. Die lästige Causa Edathy, die er doch eigentlich schon vor Monaten für aufgeklärt hielt, lässt ihn einfach nicht los. Stundenlang hatte er den Abgeordneten im Innenausschuss des Deutschen Bundestags bereits Anfang 2014 dazu Rede und Antwort stehen müssen, jetzt muss er dazu vor einem Untersuchungsausschuss Stellung nehmen.

Ziercke, der bis November vergangenen Jahres Chef des Bundeskriminalamtes war, war immer eine der Schlüsselfiguren in der Affäre um die Kinderpornographie-Vorwürfe gegen den früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy. Dass er das Bundesinnenministerium darüber informierte, dass unter den Kunden eines kanadischen Kinderpornorings auch der Name des SPD-Abgeordneten auftauchte, war seine Pflicht. Doch hat das SPD-Mitglied Ziercke darüber hinaus auch Mitglieder seiner Partei unterrichtet?

Für Ziercke geht es um viel

Diese Frage hatte bereits zu Beginn der Affäre im Frühjahr 2014 im Raum gestanden. Doch sie stellt sich nun mit neuer Dringlichkeit, seit Edathy im Dezember den SPD-Abgeordneten Michael Hartmann beschuldigte, dieser habe ihn fortlaufend über den Stand der Ermittlungen informiert. Seine Kenntnisse habe er – behauptet Edathy – von Ziercke höchst selbst bekommen, jedenfalls habe ihm Hartmann das so gesagt.

Gegen diesen Vorwurf also muss sich der Ex-BKA-Chef am Mittwoch verteidigen. Und dabei geht es für ihn um viel. Sollte der Vorwurf sich erhärten, wäre nicht nur der Ruf des Mannes, der während seiner Amtszeit quer durch alle Parteien hoch anerkannt war, ruiniert. Er hätte auch mit strafrechtlichen Konsequenzen, ja selbst mit einer Kürzung seines Ruhegehalts zu rechnen.

Schon im Dezember hatte Ziercke allerdings in den Medien erklärt, er habe nie mit Hartmann über den Fall Edathy gesprochen. "Diese Erklärung gilt auch jetzt voll umfänglich", betont er nun vor dem Ausschuss. Er stützt damit das, was auch Hartmann bei seiner Vernehmung vor dem Gremium erklärt hat.   

Edathy war immer "unsympathisch"

In seinem Eingangsstatement versucht Ziercke vor allem deutlich zu machen, wie abwegig die Vorwürfe aus seiner Sicht sind. Edathy sei ihm immer unsympathisch gewesen, betont er. Schließlich habe er mit ihm schlechte Erfahrungen gemacht, als dieser ihn in seiner Funktion als Vorsitzender des NSU-Ausschusses befragt habe. Und um diesen Mann zu warnen, habe er seine Karriere aufs Spiel setzen sollen? "Wie verrückt ist das eigentlich?", fragt Ziercke.

Doch auch die Vorstellung, er habe mit der Weitergabe von Informationen vor allem die SPD, der er schließlich angehörte, schützen wollen, weist er zurück. Er sei nie ein Parteisoldat gewesen, betont er. Im Übrigen habe er ja schließlich schon einen Monat bevor Edathy angeblich von Hartmann informiert wurde, gewusst, dass Edathy auf der Kundenliste des Kinderpornorings stand. Wenn er wirklich von der SPD Schaden hätte abwenden wolle, hätte er dann nicht sofort handeln müssen?

Dass Edathy nun überhaupt solch schwere Vorwürfe erhebe, könnte auch mit Rachsucht zu tun habe, vermutet Ziercke. Vielleicht sei es Edathy auch darum gegangen, mit seiner Geschichte, die er schließlich exklusiv an den Stern verkauft habe, Geld zu machen. Im Übrigen verweist Ziercke auf Forschungserkenntnisse über Pädophile. Die lebten doch in ihrer eigenen Welt, behauptet er. Auch insofern seien Edathys Äußerungen mit Vorsicht zu genießen.

Ziercke überzeugt

Den Abgeordneten fällt es in der anschließenden Befragung sichtlich schwer, dieser Verteidigungsstrategie etwas entgegenzusetzen. Stärker in Bedrängnis kommt Ziercke eigentlich nur, als er erneut zu dem Anruf von SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann befragt wird. Oppermann hatte Ziercke im Oktober 2013 angerufen, um sich die Vorwürfe gegen Edathy bestätigen zu lassen. Als Ziercke dieses Telefonat nun erneut beschreiben soll, bleibt unklar, ob er Oppermann gesagt hat, er wolle das nicht kommentieren oder er dementiere das nicht. Hätte er letztere Formulierung gewählt, hätte Oppermann dies wohl als Bestätigung verstehen können.

Trotz dieser Widersprüche ist nach der Ausschusssitzung jedoch klar: Einen eindeutigen Hinweis darauf, dass Ziercke Hartmanns Informant war, gibt es nicht. Das stellen nach der Befragung nicht nur die SPD-Abgeordneten fest, die ja ein hohes Interesse daran haben, dass Edathy sich als Lügner entpuppt, weil sonst auch die gesamte SPD-Spitze in den Verdacht gerät, die Unwahrheit gesagt zu haben.

Auch die Unionsvertreter sehen Ziercke hinterher jedoch eindeutig als entlastet an. "Ich habe wenig Zweifel, dass das, was Ziercke gesagt hat, nicht den Tatsachen entspricht", sagt etwa CDU-Obmann Schuster anschließend. Und selbst der Linken-Abgeordnete Frank Tempel, der stets besonders kritisch auftritt, räumt hinterher ein: Der Verdacht, dass Ziercke der Informant gewesen sein könne, habe sich nicht erhärtet.