Wenn Anne Will einst am Sonntagabend in ihrer Talkshow Menschen zu Gast hatte, die nicht Politiker waren und auch sonst keine Funktionen hatten, sondern nur ihre eigenen kleinen Leben und Meinungen, dann setzte sie diese auf ihr rotes "Betroffenen-Sofa". Will sprach dann besonders einfühlsam und weich mit ihnen, so sollten Schicksale und Sorgen direkt hineinfinden in das sonntägliche Fernseh-Ersatzparlament.

Günther Jauch, der den Sendeplatz längst übernommen hat, brauchte dafür gar kein Sofa. Er hatte am Sonntagabend Kathrin Oertel zu Gast, Mitorganisatorin der Pegida-Demos. Moderator Jauch sprach so sanft mit ihr, so verständnisvoll und vorsichtig, als sei sie ein scheues Tier. Und weil drei der vier anderen Gäste in der merkwürdig besetzten Runde sie ebenfalls anscheinend bloß nicht verschrecken wollen, gerät dieser erste Liveauftritt für die Pegida-Sprecherin zu einer gemütlichen Runde.

Wenige Stunden zuvor waren Pegida und alle Gegendemonstrationen in Dresden abgesagt worden, weil es Morddrohungen gegen Oertels Mitorganisator Lutz Bachmann gab. Das erhöht noch die Nervosität an diesem Tag und in dieser Sendung, in der nun endlich auch öffentlich beginnen soll, was so viele seit Wochen fordern: Der Dialog mit Pegida.

Jauch fragt nicht nach

"Wer sind Sie eigentlich?", fragt also Jauch Oertel, und die antwortet: "Also, ich bin eine ganz normale Frau aus dem Volk. Ich bin freiberuflich tätig und habe drei Kinder." Sie sei schon immer politisch interessiert gewesen, aber habe ihre Interessen in keiner Partei so vertreten gesehen, dass sie da hätte beitreten wollen. Jauch fragt warum, wofür oder wogegen Pegida demonstriert. Oertel, schwarz gekleidet und mit beständig strengem Blick: "Pegida will eigentlich wachrütteln. Wir wollen auf die Defizite aufmerksam machen, die in den letzten Jahren durch die Regierung zustande gekommen sind und mit deren Auswirkungen wir jetzt leben müssen." Welche Defizite? Welche Auswirkungen? Jauch fragt nicht nach, wie er fast nie nachfragt an diesem Abend.

Stattdessen stellt er erst jetzt die anderen Gäste vor. Alexander Gauland von der AfD, der im Dezember selbst mal bei den "natürlichen Verbündeten" von Pegida vorbeigeschaut hat. Wolfgang Thierse, Ex-Bundestagspräsident und ostdeutsches Gewissen der SPD. Außerdem Frank Richter, der die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen leitet. Und als einziger aktiver Bundespolitiker Jens Spahn von der CDU.

Viele CDU- und SPD-Minister hätten nicht in die Sendung kommen wollen, sagt Jauch. Es klingt wie eine vorsorgliche Rechtfertigung für die merkwürdig zusammengesetzte Runde: Die anderen wollten halt alle nicht. Wer genau nicht kommen wollte, sagt Jauch nicht. Warum eigentlich nicht?

Unwidersprochene Behauptungen

Es ist dann Spahn, der Oertel am heftigsten widerspricht. Einmal behauptet die Pegida-Frau, es gebe "einfach Themen, die absolut tabu waren in den letzten Jahren in Deutschland. Man durfte weder das Wort Asyl in den Mund nehmen noch über Migranten sprechen". Da ruft Spahn: "Das Buch von Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab, Anm. d. Red.) ist eines der meistverkauften der letzten Jahre!"

Vieles aber bleibt einfach so stehen. In Deutschland würden islamische Friedensrichter Recht sprechen, behauptet Oertel. Jauch sitzt daneben und sagt nichts. "Die Menschen in Dresden werden mit einer ungeheuren Masse von Asylbewerbern konfrontiert", sagt Oertel, und nun könnte ein Moderator einfach mal erwähnen wie groß diese "ungeheure Masse" im vergangenen Jahr war: 2.000 Asylbewerber nämlich bei 530.000 Einwohnern. Macht Jauch natürlich nicht. Er scheint noch ganz berauscht vom Erfolg, dass da tatsächlich eine echte Pegidistin in seiner Sendung sitzt. Vielleicht steckt dahinter auch eine Strategie, vielleicht hofft er wirklich, dass es zur Aufklärung reicht, Pegida die prominenteste Talkshow-Bühne Deutschlands zur Verfügung zu stellen.

Ein anderes Mal fragt Jauch nach Köln, wo zehn Prozent Muslime leben, ohne dass das rheinisch-katholische Abendland zerbricht, und wo Pegida keinen Fuß auf den Boden kriegt. Oertel antwortet aber gar nicht, sondern redet stattdessen über Berlin-Neukölln, klingt ja immerhin ähnlich.

Kein Wort zu "Charlie Hebdo"

Leider sind SPD-Mann Thierse und Politikerklärer Richter eher als verständige Vermittler angereist denn als echte Streiter mit Pegida. Thierse ist längst mehr Prediger als Politiker. Er doziert: "Demokratie ist wechselseitige Zumutung." Aber er mutet der anderen Seite, also Oertel und Gauland, dann selbst kaum etwas zu. Und Richter redet darüber, dass man doch nun mal miteinander reden müsste. Er fordert mehr Dialog, obwohl doch gerade hier und jetzt dieser Dialog schon stattfinden könnte.

Vielleicht haben die Debattenprofis Angst, zu brutal zu wirken, wenn sie die Debattenamateurin Oertel direkter angehen würden. Die Pegida-Organisatorin sagt viel Schwammiges, über unerhörte Bürger und abgehobene Politik. Plattitüden, die jedem anderen um die Ohren gehauen würden. Aber sie spricht hier für 20.000 Demonstranten, mindestens. 20.000, mit denen es sich offenbar niemand in der Runde verscherzen will.

Irritierend auch, worum es gar nicht geht in der Sendung: Um islamistischen Terror und die Frage, was dieser mit Islam oder gar mit Einwanderung zu tun hat. Kein Wort auch zu Charlie Hebdo. Und auf der anderen Seite auch kein Wort zu Khaled B., jenem Flüchtling, der Anfang der Woche in Dresden starb, vermutlich ermordet wurde. An sein Haus hatte zuvor jemand Hakenkreuze gemalt. Stattdessen waren sich irgendwie alle einig, dass man abgelehnte Asylbewerber schneller loswerden müsse.

Zum Schluss dann empfahl Spahn Oertel noch, sie solle doch lieber sonntags in die Kirche statt montags mit Pegida auf die Straße gehen, wenn sie was fürs christliche Abendland tun wolle. Schärfer wurde es nicht mehr an diesem Abend. Auf ihrer Facebook-Seite schimpfte Pegida danach über Spahn, dieser habe vor "Aggression und Arroganz" nur so gestrotzt. Sie haben Spahn und seine Kritik nicht ertragen. Dabei war er die einzige Ausnahme in dieser Sendung, die sonst so vorsichtig daher kam, dass sie eher Debattenbehauptung statt echter Debatte war. Pegida scheint zufrieden.