Die Abgeordneten des Bundestages haben in einer Sondersitzung der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Anlass ist der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte in seiner Rede eingangs an mehrere Zeitzeugen, indem er ihre Geschichte erzählte. Vor ihnen "verneigen wir uns", sagte er, die anwesenden Parlamentarier und Gäste reagierten mit Applaus.  

Er warnte in seiner Rede vor einem Schlussstrich unter dem Holocaust. "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", sagte er. "Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes." Aus dem Erinnern ergebe sich ein Auftrag. "Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen."      

Der Bundespräsident kritisierte die mangelnde Zuwendung der Deutschen an die Opfer nach dem Krieg. Insbesondere die junge Bundesrepublik habe dies vernachlässigt und etwa bei der Entschädigung Unterschiede zwischen deutschen und Opfern anderer Nationalitäten gemacht, sagte er. Auch die juristische Aufarbeitung bemängelte Gauck als unzureichend. Richter etwa, die auch im Dienst der Nationalsozialisten gestanden hatten, hätten die Nazi-Verbrechen unterbewertet. Auch in der DDR habe es Fehler gegeben: Wie Gauck sagte, galt das Gedenken hier fast nur den Widerstandskämpfern. Die Juden seien erst viel später ins Bewusstsein gerückt.   

80 Prozent der Deutschen wollen Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen

"Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer beachtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Verbrechen fähig war", sagte Gauck. Es gebe nichts, was imstande wäre, darüber sein Herz und seinen Verstand zur Ruhe zu bringen, sagte Gauck.  

Auch Bezüge zu aktuellen Debatten zogen sich durch die Rede. Deutschland habe sein Recht und damit seine Würde zurückgewonnen, sagte der Bundespräsident. Es habe sich auf die Opfer besonnen. Deutschland könne dies weiter tun, indem es etwa heutige Opfer von Verfolgung und Terror aufnehme, sagte Gauck im Hinblick auf die Diskussion über Flüchtlinge.

Gaucks Mahnungen vor einem Schlussstrich stehen auch vor dem Hintergrund einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung, nach der sich eine große Mehrheit der Deutschen nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen will. 81 Prozent möchten demnach die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen". 58 Prozent wollen einen Schlussstrich ziehen.

In einer Eingangsrede hatte zuvor Bundestagspräsident Norbert Lammert an die vielen Opfer des Nationalsozialismus erinnert, an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, die Zeugen Jehovas, an Zwangsarbeiter und andere Verfolgte. Es komme darauf an, solche Verbrechen wie die des Holocaust nie wieder, an keinem Ort der Welt wieder geschehen zu lassen, sagte er.  

Gedenken auch in Auschwitz

Zwischen den beiden Ansprachen spielte der Klarinettist Ib Hausmann Musik des französischen Komponisten Olivier Messiaen, der in einem Lager bei Görlitz interniert war, wo er die Komposition von Quatour pour la fin du temps (Quartett für das Ende der Zeit) vollendet hatte.  

Überlebende des Holocaust und Politiker aus aller Welt reisen heute auch nach Auschwitz, das auf heute polnischem Gebiet liegt. Vor Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitgliedern aus rund 40 Ländern werden drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge stellvertretend für die rund 300 anwesenden Überlebenden das Wort ergreifen.

Putin fehlt

Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt allerdings nicht an der Zeremonie teil, nach eigenen Angaben, weil er aus Polen keine Einladung dafür bekam. Die russische Delegation wird von Putins Stabschef Sergej Iwanow angeführt.

Auch Bundespräsident Joachim Gauck fährt zu dem Gedenkakt in dem ehemaligen Konzentrationslager. Das Vernichtungslager hatten am 27. Januar 1945 Soldaten der Sowjetarmee befreit. Unter nationalsozialistischer Herrschaft waren dort mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast, zu Tode geprügelt oder erschossen worden oder an Krankheiten und Hunger gestorben. Eine Million davon waren Juden.