ZEIT ONLINE: Kaum hat Alexis Tsipras die Parlamentswahlen in Griechenland mit seinem Linksbündnis gewonnen, koaliert er mit einer Partei, die als rechtspopulistisch wahrgenommen wird. Ist das der "rote Frühling", den sich die deutsche Linkspartei erhofft hat?

Katja Kipping: Erst einmal ist dies doch ein großer Tag nach einem großartigen Wahlergebnis. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Erpressungsversuche und wie viel Gegenwind es von der europäischen Politik-Elite im Vorfeld gegen Syriza gab.

ZEIT ONLINE: Nun wird man in der Politik auch immer daran gemessen, mit wem man zusammenarbeitet. Die Unabhängigen Griechen sehen das Land "besetzt" von den Geldgebern, wollen es "befreien". Sie stehen für einen härteren Kurs gegenüber Einwanderern und Nachbarländern wie Mazedonien und der Türkei. Ist das ein legitimer Partner für eine linke Partei?

Kipping: Die Unabhängigen Griechen sind eine rechte Abspaltung von den griechischen Konservativen, also so eine Art CSU. Ein solches Bündnis käme für die Linke in Deutschland und im Europaparlament nicht infrage. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass von den Parteien, die nicht für das Kürzungsdiktat stehen, nur dieses zu einer Kooperation bereit war. Das griechische Wahlgesetz erfordert, dass bereits innerhalb von drei Tagen ein Regierungschef gewählt wird. Sonst drohen erneut Neuwahlen. Und Griechenland hatte bereits in den letzten 7 Jahren 5 Wahlen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Tsipras weiß, was er tut?

Kipping: Ich sage, wir sollten erst einmal abwarten und uns mit voreiligen Bewertungen zurückhalten. Ich erwarte aber, dass Syriza auch in der Regierung bei einem klar antirassistischen Programm bleibt.

ZEIT ONLINE: Beide griechischen Koalitionäre haben im Wahlkampf mögliche Reparationszahlungen angeregt. 11 Milliarden Euro würde die Bundesrepublik Griechenland aus der Zeit der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht schulden. Wie sehen Sie das?

Kipping: Wir haben durchaus eine historische Verantwortung gegenüber Griechenland. Die Nazis haben damals viel Leid und Schrecken über das Land gebracht. Doch nicht nur wegen der Geschichte steht Deutschland in der Pflicht, solidarisch mit Griechenland zu sein. Das von der Troika verordnete Kürzungsdiktat in der Eurokrise hat ebenfalls viel Not und Leid über das Land gebracht. So geben immer mehr Eltern ihre Kinder in SOS Kinderdörfern ab, damit sie nicht verhungern. Damit muss jetzt Schluss sein. Griechenland muss finanziell handlungsfähig sein, damit die schlimmsten sozialen Verwerfungen aufhören, damit die Leute wieder Strom haben, nicht obdachlos werden und nicht hungern müssen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, das eine wäre eine Reparationszahlung, aber auch ein Schuldenschnitt bzw. eine Schuldenkonferenz.

ZEIT ONLINE: Griechenland braucht kurzfristig 9 Milliarden Euro, um seine finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen, bis Ende des Jahres sogar 20 Milliarden Euro. Weil das Land nicht als kreditwürdig gilt, ist Tsipras abhängig von den Hilfspaketen der Troika. Aber genau deren Bedingungen will er nicht mehr folgen.

Kipping: Nicht nur wegen der demokratischen Wahlentscheidung in Griechenland, sondern auch weil das Kürzungsdiktat zu sozialen Katastrophen führt und volkswirtschaftlich kontraproduktiv ist, müssen jetzt neue Verhandlungen beginnen.

ZEIT ONLINE: Tsipras kann den Geldgebern letztlich nur damit drohen, aus dem Euro auszusteigen. Doch würde das nicht vor allem die verarmten Griechen noch mehr ins Chaos stürzen?

Kipping: Es ist nicht das Ziel von Alexis Tsipras, Griechenland aus dem Euro herauszuführen. Zudem macht es wenig Sinn, über Verhandlungen zu spekulieren, bevor sie angefangen haben. Der Kürzungskurs der Troika ist gescheitert. Profitiert haben nur die Banken. Jetzt muss alles neu aufgerollt werden.