Nach jedem Terror-Schock der vergangenen 14 Jahre galt das Differenzierungsgebot: Wir müssen trennen zwischen Islamismus und Islam. Es galt nach New York, es galt nach London, es galt nach Madrid, nach dem Mord an Theo Van Gogh. Es wird auch jetzt, nach dem Massaker in der Redaktion vonCharlie Hebdo wieder eingefordert werden – wenn sich der Verdacht auf einen islamistischen Anschlag bestätigt.

Die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus war nie falsch. Aber sie war unvollständig. Mit der Entlastung der moderaten Mehrheit aller Muslime hätte viel früher auch eine Forderung einhergehen sollen, nämlich jene, dass der Islam sich selbst darüber erforscht, welche Glaubensinhalte, welche geistigen Verkrustungen und welche Anachronismen selbst moderater Koran-Lesarten es sein könnten, die junge Leute irgendwann "Allah ist groß!" rufen lässt, während sie Journalisten niedermetzeln. Denn so falsch es ist, Islam mit Islamismus gleichzusetzen, genau so falsch ist es, jede Verbindung zwischen ihnen zu leugnen.

In dieser weithin unterschlagenen Debatte, in der Angst vor einer begründeten Islam-Kritik, in Moscheen wie in Parlamenten, Redaktionen und Universitäten, liegt das vielleicht größte Versäumnis der Terrorprävention der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Es war ein Versäumnis aus dem Optimismus heraus, dass die Extremisten auf Dauer schon isoliert und marginalisiert würden, wenn die moderate Glaubensmitte stabil und unterstützt bleibt.

Dieses Wunschergebnis ist aber nicht eingetreten. Die islamistische Bewegung ist im Gegenteil stärker geworden, sowohl national wie international. Der Dschihad hat nicht nur Länder erobert, sondern auch die Popkultur, und es ist eben keine Fantasiereligion, auf die all die Al-Kaida-Fans, Syrien-Reisenden und die Mörder von Paris oder Kobani ihre Brutalität gründen. Es ist vielmehr leider noch immer eine Religion, die die europäische Aufklärung nicht durchlaufen hat.

Genau dies ist aber die Zumutung, die dem Islam auferlegt werden muss, wenn er wirklich zu einem Teil Europas werden will. Sie muss nicht so weit reichen, über Mohammed-Karikaturen lachen zu können. Aber bis kurz davor muss sie sehr wohl gehen. Diese Zumutung hätte viel früher formuliert werden müssen. Es nützt nichts, Lessings Ringparabel hochzuhalten, wenn am Ende nur der Vortragende tolerant bleibt.

Was genau würde die Zumutung der Aufklärung für den Islam denn bedeuten? Neben der Verwirklichung religiöser Toleranz (es gibt sie im Islam solange nicht, wie Apostasie als strafwürdig gilt), unzweifelhafter Frauengleichberechtigung, dem klaren Geltungsvorrang weltlicher vor religiöser Gesetze vor allem eins: den Abschied vom Islam als Weltordnungsidee.

Die Vorstellung, dass die Welt erst dann friedlich sein kann, wenn die Welt islamisch ist, ist eben nicht radikal, sondern Teil der Lehre Mohammeds. Man kann diesen Anspruch als historisch abtun. Genauso gut kann man ihn aber zur politischen Kampfansage gegen die westliche Demokratie aufjazzen – und genau dies geschieht immer und immer wieder, von Sayyid Qutb, dem geistiger Vater der Muslimbrüder, bis hin zu Osama bin Laden und dem IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi. Auch die Mörder von Paris werden in dem Wahn von einem heiligen Krieg gegen den dekadenten Westen gelebt haben. Um es deutlich zu sagen: Der Islam, auch der moderate, ist noch immer zu oft eine Rutschbahn in die Entfremdung von der westlichen Lebensweise.

Es sind diese gefährlich unhinterfragten Tiefenströmungen eines Glaubens, an denen Islam-Kritik ansetzen darf und muss, sowohl von innen wie von außen. Bis dahin wird die Trennung von Islam und Islamismus das bleiben, was sie viel zu lange war: ein nicht falsches, aber beschwichtigendes Mantra.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde Sayyib Qutb als Gründer der Muslimbrüder bezeichnet. Er war jedoch ihr geistiger Vater.