Jens Paulsen war nur mal kurz "da, wo wir alle mal hinmüssen", auf der Toilette also, "und bumms, komm´ ich wieder, und muss feststellen, dass hier mal eben etwas ganz Wichtiges weggekegelt wurde." Paulsen steht auf der Bühne eines Bremer Kongresssaals, in dem sich die Alternative für Deutschland (AfD) zum Bundesparteitag versammelt hat. "Leute", ruft er aufgebracht, "wir wollten da wirklich mal was anders machen als die Altparteien, und jetzt räumen wir das einfach so ab. Das kann doch nicht sein!"

Kann es offenbar doch. Das Treffen der AfD an diesem Wochenende in Bremen sollte der Beweis dafür sein, dass die Partei anders ist: eben eine Alternative zu den so genannten Altparteien – basisdemokratischer, transparenter, kein Hort abgeklärter Berufspolitik. Doch damit ist es jetzt vorbei. Mit den Entscheidungen von diesem Samstag offenbart sich die AfD als ganz gewöhnliche Partei. 

Das Tempo, mit dem dies geschehen ist, hat nicht nur Jens Paulsen, der Mitglied der Satzungskommission ist, überrascht. Einer seiner Kollegen sagt es so: "Am besten, wir streichen den Paragraphen 19 ganz und sagen, dass wir auch nicht besser sind als die anderen."

Paragraph 19 sollte unter anderem festlegen, dass AfD-Politiker, falls sie einmal in ein Regierungsamt gelangen sollten, ihr Mandat als Abgeordnete abgeben müssten. Paragraph 19 ist nur eine von vielen Besonderheiten, mit denen die AfD sich im Parteienspektrum abheben wollte, gegen die sie sich dann aber doch entschieden hat.

Das hat vor allem einer bewirkt: Bernd Lucke, Parteigründer und demnächst aller Voraussicht nach alleiniger Vorsitzender der AfD.

Der Bremer Parteitag war gleich in mehrfacher Hinsicht mit Spannung erwartet worden. Seit ihrer Gründung ringt die AfD um ihre inhaltliche Ausrichtung, zwischen den Polen liberal oder eher national-konservativ. Doch das ist nur die eine Achse des Koordinatensystems, in dem sich die Partei zu verorten versucht. Die andere Achse verläuft zwischen den Polen "anders als die anderen" und "professionell wie die anderen".

Lucke hat in dieser Frage einen klaren Kurs Richtung Professionalisierung vorgegeben, und um seine Partei auf Linie zu bringen, griff er in Bremen zu einem drastischen Mittel. In der Hauptfrage nämlich, ob demnächst weiterhin mehrere Sprecher die Partei führen oder doch nur noch einer – er selbst. "Wie hat der Bundesvorstand bisher gearbeitet?" fragt Lucke in seiner Rede. "Meine Antwort darauf in einem Wort – stümperhaft." Zu viel Abstimmungsaufwand, zu wenige ausführende Angestellte, und überhaupt, alles nicht effizient genug.

Stümperhaft also? Das ist nicht nur ein Affront Luckes gegen seine Vorstandskollegen, allen voran die bisher gleichberechtigten Co-Vorsitzenden Frauke Petry und Konrad Adam. Es ist auch Luckes Offenbarungseid, hatte sich die AfD doch von Anfang an genau dafür gerühmt: Ein Haufen mutiger Amateure zu sein und keine Ansammlung von Profipolitikern.