Am Mittwoch um 15.37 kommt Alexander Gauland gerade vom Mittagessen, und auf die Frage, ob er etwas zu dem Mordanschlag auf die Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo sagen möchte, bei dem dreieinhalb Stunden zuvor zwölf Menschen starben, antwortet er: "Das ist mir zu früh. Bevor die Ermittelnden dazu nichts festgestellt haben, möchte ich mich nicht äußern."

27 Minuten später verschickt seine Partei, die Alternative für Deutschland (AfD), in seinem Namen eine Pressemitteilung. Nichts ist passiert in diesen 27 Minuten, die "Ermittelnden" in Paris, auf die Gauland vorgab zu warten, äußern sich nicht in dieser Zeit und auch über die Täter wird nichts Neues bekannt. Trotzdem schreibt der stellvertretende Parteisprecher Gauland jetzt: "All diejenigen, die bisher die Sorgen vieler Menschen vor einer drohenden Gefahr durch den Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft." Und: "Die Altparteien sollten sich sehr gut überlegen, ob sie bei ihrer Haltung, die Menschen von Pegida weiterhin zu diffamieren, bleiben  wollen."

Damit war Gauland einer der Ersten, der das Offensichtliche und doch so Unterschiedliche zusammenband: Die Morde in der Pariser Zeitungsredaktion, bei denen die Attentäter das muslimische "Allahu Akhbar" riefen. Und die Debatte in Deutschland um Pegida, die auch, irgendwie, mit islamistischen Terrorismus zu tun hat. Entscheidend dabei ist das Irgendwie, dazu später.

Die auf den ersten Blick zynische, aber naheliegende Frage ist: Verschaffen die Toten von Paris Pegida Zulauf? Wie viele Menschen werden da kommenden Montag auf die Straße gehen? 

Klar ist schon jetzt, dass sich Pegida und ihre Sympathisanten durch den vermeintlich islamistischen Anschlag bestätigt sehen. Auf ihrer Facebook-Seite schrieben sie drei Stunden nach den ersten Eilmeldungen aus Paris: "Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr 12 Wochen warnt, haben heute in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen! Unsere Politiker wollen uns aber das Gegenteil glauben machen. Muss eine solche Tragödie etwa erst in Deutschland passieren???"

Abgesehen davon, dass Politiker aller Parteien immer wieder vor der Gefahr islamistischer Anschläge in Deutschland warnen, und das niemand Islamismus für demokratisch hält, stimmt an diesen Sätzen Folgendes: Zu den Dingen, die bei Pegida-Treffen kritisiert, beschimpft und gefürchtet werden, gehört auch die konkrete Gefahr des islamistischen Terrorismus. Daneben aber geht es um vieles andere: Die Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung, also einer "Überfremdung" durch Muslime; um zu langsame Abschiebung; um kriminelle Ausländer oder Migranten; um zu viel Geld für Asylbewerber; um politische und gesellschaftliche Rücksicht auf muslimische Bräuche. In fast jeden Gespräch mit Pegida-Teilnehmern bleibt am Ende nicht mehr viel übrig von der vermeintlichen Differenzierung zwischen Islam und Islamismus, die sie wie ein Schutzschild gegen die Vorwürfe der Kritiker vor sich hertragen. Und zuletzt geht es bei Pegida auch um Wut auf Politik und Medien allgemein, auf "Volksverräter" und Lügenpresse".

Wenn die Menschen in Dresden und anderswo nur gegen konkrete islamistische Terrorgefahr protestieren würden, wenn nicht etliche alte und neue Ressentiments sich mit hineinmischen und alles Rationale überdecken würden, dann wäre die Kritik an Pegida sicher nicht so groß und grundsätzlich. Ja, Pegida selbst hätte dann wohl gar nicht erst so erfolgreich werden können.

Pegida wird zum Trauermarsch

Diese Differenzierungen nimmt Pegida selbst und auch die ihnen in Sympathie verbundene AfD nach dem Paris-Anschlag nicht vor. Das zeigt sich zum Beispiel in der Gauland-Formulierung über "die Sorgen vieler Menschen vor einer drohenden Gefahr durch den Islamismus". Pegida, wo sich diese besorgten Menschen sammeln, steht für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Das eine ist Terrorgefahr, das andere Angst vor Überfremdung. Gauland verwischt Islamismus und Islamisierung, so wie es Pegida auch tut, und erzeugt damit eine Wahrnehmung, in der jeder einwandernde Muslim zur potenziell tödlichen Bedrohung wird.

Am Donnerstagmorgen dann schickte der AfD-Sprecher Bernd Lucke eine Pressemitteilung hinterher und forderte "Besonnenheit". Man dürfe nicht "die Gewalttat zweier Extremisten einer ganzen Religionsgemeinschaft anlasten, deren Großteil aus friedliebenden, unbescholtenen Menschen besteht." Das ist formal kein Widerspruch in der Sache zu Gauland, aber sehr wohl im Ton. Diese Zweiteilung entspricht den aktuellen Flügelkämpfen in der AfD, in der Lucke gegen eine Gruppe um Gauland und andere steht, die die Partei auf einen deutlich zuwanderungs- und islamkritischeren Kurs steuern wollen. Die beiden Pressemitteilungen ergänzen sich aber auch zu einem Gesamtbild, bei dem für jeden was dabei ist. Etwas mehr Kritik und Wut bei Gauland, etwas mehr "Wir haben nichts gegen Muslime"-Versicherung bei Lucke.

Was ist Trauer, was Instrumentalisierung?

Im Verhältnis von AfD und Pegida zueinander scheint sich in diesen Tagen der Status quo zu festigen. Man ist in vielem einer Meinung und die AfD springt den Dresdner Demonstranten immer wieder gegen Kritik von außen bei, wie zuletzt Gauland. Am Mittwochabend trafen sich im sächsischen Landtag die AfD-Fraktion und Pegida-Organisatoren erstmals. Danach war von Gemeinsamkeiten die Rede und davon, dass man "freundlich auseinandergegangen" sei. Eine konkrete Zusammenarbeit sei aber nicht geplant, versicherte Fraktionschefin Frauke Petry. Sie ziehen ja auch so schon an einem Strang.

Die Pegida-Organisatoren haben nun aufgerufen, am Montagabend mit Trauerflor zu ihrer nächsten Kundgebung zu kommen. Wie vergiftet ist das Beileid für die Angehörigen toter Journalisten von jenen, die seit Wochen "Lügenpresse, Lügenpresse" schreien? Das Bündnis "Dresden Nazifrei" verurteilte den Pegida-"Trauermarsch" deshalb als "neues Höchstmaß an Abscheulichkeit und Ekelhaftigkeit". Die Antwort der Pegida-Organisatoren: Das überbiete "doch alles an Geschmacklosigkeit". Frei nach dem Motto: Man wird doch wohl noch trauern dürfen.