Seit Woche für Woche Tausende Menschen mit dem Slogan "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" durch Dresden laufen, versuchen sich Wissenschaftler, Kommentatoren und Politiker in Erklärungen.

Manche schauen auf die Pegida-Anhänger selbst und suchen in deren Leben und Umfeld nach Gründen für ihren Protest. Andere nehmen die von Pegida Kritisierten in den Fokus, also Medien und Politik.

Die ehrgeizigeren Interpreten ordnen Pegida in wissenschaftliche Theorien ein. Tatsächlich scheinen die Menschen auf den Dresdner Plätzen der lebende Beweis für viele Analysen und kritischen Gegenwartsdeutungen der vergangenen Jahre zu sein.

Sachsen als rechtes "Tal der Ahnungslosen"

Außerhalb Dresdens kommen nur ein paar Hundert Menschen zu Pegida-Kundgebungen zusammen. Von dieser Beobachtung ausgehend erklären einige Pegida zum einem sächsischen oder Dresdner Phänomen. Der Politologe Michael Lühmann schreibt: "Nirgendwo in Deutschland ist die Ablehnung des Anderen tiefer in Politik und Kultur verankert als in diesem Bundesland. Sei es fremd, sei es links, sei es irgendwie modern." NPD und AfD sind hier sehr stark, die CDU ist sehr rechts. Zudem habe sich im Süden und Osten Sachsens eine Art "Bibelgürtel" konservativer Christen gebildet, die nun auch bei Pegida mitmachen. Die sächsische Justiz ermittelt immer wieder gegen Demonstranten, die sich gegen Nazi-Aufmärsche wehren.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ging Journalist Peter Carstens noch weiter und bescheinigte den Dresdnern: "Sie befinden sich spätestens seit dem 2. Weltkrieg auf einem Sonderweg." Dort "zählen Fakten weniger als Gefühle", und nach der Bombardierung durch die Briten 1945 habe es sich die Stadt in einer "Opferhaltung" bequem gemacht. 

Was diese Deutung ignoriert: Längst fahren Demonstranten von außerhalb Sachsens zu Pegida nach Dresden. Und die deutschlandweite Sympathie für die Bewegung, das zeigen Umfragen, geht über ein lokales Niveau hinaus.

Es tut so gut, das zu sagen

Psychologisch nähert sich ZEIT-Autor Gero von Randow dem Phänomen Pegida. Er beschreibt das beglückte Lachen einer Anhängerin und ihres Freundes, als sie in eine ARD-Kamera sagen, dass alle, die nicht politisch verfolgt werden, doch bitte das Land verlassen sollten. Kurz fragt sie sich: "Oh Gott, darf man das überhaupt sagen", um dann umso gelöster  festzustellen: Ja, sie darf! "Pegida ist erotisch" schreibt von Randow, und spricht von "genussvoller Enthemmung".