Anfang Dezember gab sich Wilfried Weißflog bei einer Pegida-Demo zu erkennen. Er trug seine dunkle Mütze und eine dicke Jacke, weil es kalt war an diesem Montagabend in Dresden. Wie in der Woche zuvor lief Andreas Wodniok neben ihm, seit Jahrzehnten sein guter Freund. Wodniok hatte ein Schild gebastelt, und das war es, weswegen Weißflog nun nicht mehr undercover hier herumlief. "Dresdner Christen grüßen die Pegida" stand auf dem Schild.

Wilfried Weißflog, 70 Jahre alt, ist Pfarrer im Ruhestand. Er war einmal Superintendent in Dresden. Was macht der bei Pegida, bei den "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes"? "Ich will, dass sich etwas ändert, und ich stehe auch als Christ hier", sagt Weißflog. Damit sei er im Übrigen nicht der Einzige: Schon viele Kirchenmitglieder hätten ihn angesprochen. Tatsächlich: Auch Christen sind bei den Montagsdemonstrationen in Dresden mitmarschiert. Auch Christen engagieren sich gegen die "Islamisierung des Abendlandes". Auch Christen fordern eine strengere Durchsetzung der Asylgesetze. Christen gehen zu Pegida.

Nun brodelt es in der evangelischen Kirche. Weil sich immer mehr Pegida-Anhänger als Christen outen und immer mehr Christen als Pegida-Sympathisanten. In kaum einer Institution wird die Debatte um Pegida so kontrovers geführt wie in der Kirche.

Man kann das in Sachsen erleben. Wo es ehemalige Pfarrer wie Weißflog gibt, die glühende Pegida-Verfechter sind. Wo es aber auch Pfarrer gibt, die zu den heftigsten Gegnern der Bewegung gehören. Und wo sich viele Pfarrer fragen, welche Rolle sie jetzt einnehmen sollen: Sollen sie die Pegida-Anhänger in den Kirchenbänken zur Ordnung rufen, zurechtweisen, kritisieren? Oder ist es Aufgabe der Pfarrer, sich jetzt zurückzunehmen, zu moderieren, eine Lösung zu suchen? Erst recht, weil in dieser Woche zum ersten Mal eine Pegida-Demonstration abgesagt werden musste. Der Organisator, teilte die Polizei mit, sei gezielt bedroht worden. Es bestehe Terrorgefahr.

Theologen waren es, die in Dresden zuerst "Dialog" riefen; sie wollen zwischen Anhängern und Gegnern von Pegida vermitteln. Margrit Klatte, 46, Pfarrerin in Dresden, ist eine von ihnen. So wie jetzt, sagt sie, könne es nicht weitergehen. "Im Moment ist es virulent von allen Seiten. Irgendwer muss dabei helfen, die Barrikaden wieder abzubauen." Die Theologin hat eine Weile überlegt, ob sie sich auf das Gespräch mit einer Journalistin einlassen soll. Als so hochentzündlich empfindet sie die Stimmung in Dresden. Sie bekommt jeden Tag mehrere Mails von Gemeindemitgliedern, auch von Fremden – nur zu diesem Thema. Klatte will niemanden vor den Kopf stoßen. Aber sie weiß, dass einigen in der Kirche nicht passen dürfte, was sie zu sagen hat. Sie hat nämlich Verständnis für die Demonstranten.

Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, sagte vor einigen Wochen über Pegida: "Christen haben auf diesen Kundgebungen nichts zu suchen." Die Bewegung sei "von der Zielsetzung her unchristlich". Geärgert habe sie dieser Satz, sagt Klatte. Nein: Er habe sie regelrecht enttäuscht. Klatte hat sich eine Pegida-Demo angesehen. Nicht, weil sie sie unterstützt, sondern weil sie sehen wollte, wer da mitläuft und mit welcher Attitüde. Einige Demonstranten kennt Klatte persönlich. "Aber ich selbst demonstriere nicht mit", sagt sie. "Ich habe diese Angst nicht, die die Menschen dort treibt."

Ist das Angst? Ist es Angst, die einen fordern lässt, Asylbewerber aus Tunesien möglichst schnell abzuschieben? Ist es Angst, die einen auf die "Politikerkaste" schimpfen lässt? "Die Leute sind so unzufrieden, dass sie es nicht mehr ausgehalten haben", meint Klatte. "Sie stellen Grundsatzfragen: Welche christlichen Werte wollen wir uns bewahren? Wer garantiert uns, dass der Islamismus bei uns nicht Fuß fasst? Und berichten die Medien fair? Ich finde diese Fragen legitim."

Klatte sieht in den Pegida-Demos eine "riesige politische Chance": Weil die einen kalten Konflikt in einen heißen verwandelt hätten; weil viele der Demonstranten, unter denen auch viele Nichtwähler seien, ihre Unzufriedenheit bislang nur unterdrückt hätten. Und weil es nun die Chance gebe, voneinander Enttäuschte wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

Zum Beispiel eben Wilfried Weißflog, den Pfarrer, der bei Pegida mitläuft. Weißflog ist ein älterer, bestimmter Mann, der lauter redet, wenn ihm etwas wirklich wichtig ist. In den vergangenen Wochen hat er einige Male laut geredet. Immerhin: Er redet. Meist bekommen Journalisten bei den Kundgebungen in Dresden keine Antwort außer: "Ich spreche nicht mit der Lügenpresse." Weißflog aber möchte erklären, was ihn auf die Straße treibt. Er lädt sogar zu sich nach Hause ein.

Auf dem Klingelschild neben seinem steht "Singh". Hier lebt eine indische Familie. Von der erzählt Weißflog zuerst, wenn es um Pegida geht. "Da wohnt die Familie Singh. Die bauen sich hier eine neue Existenz auf, die haben meinen Schlüssel und ich ihren. Ich bringe ihnen Deutsch bei, sie nennen mich Opa." Sein Schwager, erzählt er, sei Ghanaer. "Ich bin wirklich kein Ausländerfeind", sagt Weißflog. Dann bittet er in die Wohnung. Die Schuhe müssen nicht ausgezogen werden, "wir sind hier schließlich nicht in der Moschee", sagt er im Spaß und guckt dann doch, als sei er von sich selbst erschrocken. Die Stimmung, wie gesagt, ist angespannt in diesen Tagen in Dresden.

Weißflog will Wodka ausschenken. Den habe sein Kumpel aus Moskau mitgebracht, der Andreas. Jener Mann, der bei den Demos das Christen-grüßen-Pegida-Schild trägt. Andreas Wodniok sitzt mit am Tisch. Er sei, erzählt er, mit einer Russin verheiratet. Was noch beweisen soll: "Wir haben nichts gegen Ausländer, wirklich nicht." Wohl aber etwas gegen die Asylpolitik dieses Landes. Deutschland nehme zu viele Menschen auf, lasse zu viele herein – und behandle diese dann schlecht. "Ich war vor einem halben Jahr erst in so einem Heim", ruft Weißflog. "Dort werden unterschiedlichste Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zusammengepfercht. Dürfen ihren Landkreis nicht verlassen, haben das Fernsehen als einzige Ablenkung."

Das ist in etwa das, was auch die Pegida-Organisatoren bei ihren Reden gerne betonen. Die Frage ist: Was folgt daraus? Die Forderung nach mehr Geld für Flüchtlinge? Oder die Forderung, weniger Flüchtlinge aufzunehmen? "Es ist unsere Christenpflicht, Leute aufzunehmen", sagt Weißflog. "Aber wir können nicht die ganze Welt retten. Wir müssen denen, die kommen, auch dringend sagen, wie unsere Gesellschaft funktioniert und welche Regeln hier gelten. Was ist hier Fakt und was nicht?" Damit bringt er exakt den Vorwurf vor, der auch bei den Montagsdemonstrationen oft formuliert wird: Manche Ausländer, heißt es da, wollten sich ja gar nicht integrieren.

Jetzt zerrt Weißflog hinterm Sofa den Sonntag hervor, eine christliche Wochenzeitung. Er tippt auf ein Foto, das eine Muslima neben Jochen Bohl zeigt, dem evangelischen Landesbischof. "Da präsentiert sich der Bohl als multikulturell. Alles wunderschön", schimpft Weißflog. "Ich werfe ihm und der Kirche vor, dass sie die schönen Seiten von Multikulti betonen und die schwierigen Seiten nicht erwähnen."

Weißflog hat es auch schon auf die Titelseite der Regionalzeitung geschafft – diverse Male wurde er bei Pegida-Demos fotografiert. Danach riefen Leute bei ihm an, die ihn von früher kennen, als engagierten Pfarrer, als jenen Mann, der sich einst dafür eingesetzt hatte, dass Muslime in Dresden einen größeren und schöneren Gebetsraum bekommen sollten.