Am Tag eins nach dem grausamen Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdoist es im Berliner Regierungsviertel sehr grau. Im winterlichen Nieselregen legen Menschen Blumen vor der französischen Botschaft ab, Bedrückung in den Gesichtern, gemeinsam wird geschwiegen. Auch andernorts wehen die Fahnen auf Halbmast: Die Bundesregierung hat für alle öffentliche Einrichtungen Trauerbeflaggung angeordnet.

Nur 24 Stunden nach der Ermordung von zwölf Menschen, darunter viele Journalisten, durch mutmaßliche Islamisten in Paris ist in Deutschland die erwartete Debatte im vollen Gange, sie läuft rauf und runter im Radio, im Fernsehen, in den Onlinemedien: Politiker aller Parteien werden nach dem gefragt, was auch die Bürger umtreibt: Kommt der Terror bald auch zu uns? Was machen wir mit den Ängsten der Bevölkerung vor Extremismus – aber auch vor dem Islam als solchen? 

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am frühen Nachmittag im Kanzleramt vor die Mikrofone tritt, ist sie sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. "Wir haben zu der übergroßen Mehrheit der Muslime in Deutschland ein sehr gutes Verhältnis", betont sie. Alle wichtigen Vertreter der islamischen Organisationen hätten sich klar von den terroristischen Angriffen distanziert. Im Übrigen werde die Bundesregierung alles tun, um sämtliche hier lebende Menschen, ganz gleich welchen Glaubens sie seien, vor terroristischen Angriffen zu schützen.  

Mit ähnlichem Tenor hatte sich zuvor bereits Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) geäußert. Gerade die Menschen, die aus Bürgerkriegsregionen nach Deutschland kämen, seien dem Terror entflohen und dürften nun nicht ihrerseits in Verdacht geraten, nur weil sie Muslime seien, betonte er in der Süddeutschen Zeitung

Neue Debatte über Terror-Gesetze?

Der Anschlag überschattet auch die Neujahrsklausur der Bundestagsabgeordneten der SPD im Bundestag. Eigentlich wollten die Sozialdemokraten über Ideen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen. Doch nun haben die Sozialdemokraten ein Solidaritätsbanner mit der Aufschrift "Je suis Charlie" über ihre sozialdemokratisch-rote Parteiwand gehängt, SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann tritt mit ernstem Gesicht davor: "Die Muslime haben es im Augenblick schwer in Deutschland", sagt er in die Mikrophone. "Es ist wichtig, dass wir uns vor die Muslime stellen."

Denn deren Religion, so Oppermann, werde derzeit durch "die hässliche Fratze" der Extremisten verunglimpft. Dafür dürfe die friedliche Mehrheit der Muslime aber nicht haftbar gemacht werden. Genau das aber tue Alexander Gauland, eines der Gesichter der AfD. "Das ist politische Hetze", betont Oppermann. "Pegida und AfD müssen aufpassen, dass sie nicht das Geschäft von Terroristen betreiben."

Bei den Sozialdemokraten hat man sich deswegen vorgenommen, den "Kampf der Kulturen" zu verhindern, wie es Justizminister Heiko Maas bereits am frühen Morgen verkündet hat. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Abgeordneten erinnert in diesem Zusammenhang an das Terrorattentat auf ein sozialistisches Jugendcamp in Norwegen im Jahr 2011. "Anders Breivik sah sich als christlicher Tempelritter, aber nach seinen grausamen Morden wurden die Christen in Europa auch nicht unter Generalverdacht gestellt", sagt Burkhard Lischka.

Solidarität mit den in Deutschland lebenden Muslimen, das ist der eine Strang der Debatte an diesem Tag. Doch es gibt auch noch einen anderen. Der dreht sich um die sicherheitspolitischen Konsequenzen. Während SPD-Fraktionschef Oppermann vor einer neuen Debatte über schärfere Anti-Terror-Gesetze warnt und Bundeskanzlerin Angela Merkel lediglich davon redet, dass bestehende Sicherheitsmaßnahmen aufrecht erhalten werden müssten, haben Mitglieder der CSU-Landesgruppe noch in der Nacht zum Donnerstag während ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth breits ein Positionspapier erarbeitet, in dem sie sicherheitspolitische Konsequenzen fordern.