Prof. Dr. Ing. E.h. Hans-Olaf Henkel ist wieder in den Zug gestiegen, von seinem Wohnort Berlin nach Hamburg, der Geburtsstadt Henkels, zum sechsten Mal in diesen Wahlkampf-Wochen. Nun steht er im Untergeschoss eines Altenheims im Stadtteil Poppenbüttel und spricht von seiner Oma. Bei der ist er aufgewachsen, nur ein paar Kilometer entfernt von hier, nach dem Krieg war das, seine alte Grundschule liegt um die Ecke, "gibt es die denn noch?" fragt Henkel in den kleinen Saal, einer nickt, Henkel sagt: "Na, es wird ja doch nicht alles schlechter", und dann lachen sie zusammen. Punkt für den Heimatwahlkämpfer.

Hamburg ist toll. Das sieht Henkel so, das sieht seine Partei so, die örtliche Alternative für Deutschland (AfD), das sehen viele Hamburger so. Am Sonntag wählt die Stadt eine neue Bürgerschaft und die Wette, die Henkel und seine Mitstreiter darauf abgeschlossen haben, geht so: "Wenn wir es hier schaffen, in dieser weltoffenen, liberalen Stadt, können wir es überall schaffen." So sagt es Henkel auch an diesem Abend wieder.

Im westdeutschen, wohlhabenden Hamburg will die AfD beweisen, dass sie nicht nur im Osten erfolgreich sein kann. Nur dort, in Sachsen, Brandenburg und Thüringen, sind sie bisher in Landtage eingezogen. Der Brandenburgische Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland, wie Henkel Vizesprecher der Partei, fängt dort mit lauten Worten gegen Ausländer und für Pegida Protestwähler und andere ein, die "weniger Erfahrung mit Demokratie und Marktwirtschaft" haben, wie das Jörn Kruse sagt. Kruse ist Spitzenkandidat der AfD in Hamburg, ein emeritierter Professor der Volkswirtschaft. Über seine Parteifreunde im Osten spricht er mit der aristokratischen Pikiertheit, wie von Schmuddelkindern. Kruse sagt: "Im Osten ist das eine ganz andere Szene, da kann man offenbar noch mit simplen Sprüchen punkten."

Griechenlands Regierung? "Beitrag zum Karneval"

Kruse war als Student in der SPD. "Ich bin damals 1968 nicht bei den Radikalen gelandet, weil ich ein sehr kritischer Mensch war und die Spreu vom Weizen trennen konnte." Später hielt er dann die FDP für den Weizen, und wenn er heute gefragt wird, ob er rechts sei, sagt er: "Ich bin kein Rechter. Ich war immer ein Liberaler und werde es bleiben."

Wie also sieht sie aus, seine vermeintlich liberale AfD?

An diesem Abend im Forum Alstertal in Poppenbüttel lautet das Motto "Wir ändern Politik", und Kruse redet vor den rund hundert Zuhörern, fast ausschließlich im Rentenalter, über die neue griechische Regierung und deren "Wohltaten, die gut ankommen, weil die meisten Leute natürlich nicht so genaue Vorstellungen davon haben, wie es in der Ökonomie so zugeht". Anders als Kruse, der sehr genaue Vorstellungen hat und die griechische Politik deshalb als "Beitrag zum Karneval" verspottet, und da die deutschen Politiker offenbar anders als er nicht verstünden, dass ein Euro-Austritt Griechenlands die einzige Lösung sei, frage er sich, "ob wir nicht einen grundsätzlichen Fehler machen in der Auswahl unserer politischen Klasse".

So funktioniert die Hamburger AfD: Systemkritik im Kleid der Rationalität. Der Unterschied zu den Ressentiment-Politikern im Osten ist vor allem ein ästhetischer.

Henkel und die drei vermeintlichen Tabus

Das zeigt auch der Auftritt Henkels. Der hatte gegen Gauland gepöbelt, weil der einen Einwanderungsstopp aus dem Nahen Osten gefordert hatte. Nun, in Poppenbüttel, erklärt er die Islamkritik zum deutschen Tabu. "Der Islam kennt keine Demokratie", ruft er unter Applaus. "Es gibt nicht ein islamisches Land mit funktionierender Marktwirtschaft. Die sind alle korrupt! Außer Tunesien." Beklatscht werden, das ist hier wie bei der Ost-AfD, nicht Differenzierungen, sondern absolute Urteile über andere, Fremde.

Henkel meint drei deutsche Tabus ausgemacht zu haben: neben der Islamkritik die Eurokritik und Kritik an der Macht der Parteien. Alle drei würden bestraft. Und mit welcher Begründung? Henkel sagt: "Entweder ist es Auschwitz, das schlechte Gewissen, oder es ist der dritte Weltkrieg." Genau, ruft einer. "Irgendwann müssen wir auch mal aufhören", sagt Henkel, "wir bekennen uns zur unserer Verantwortung, aber es hat doch keinen Zweck, dass wir dauernd unsere Zukunft verspielen wegen unserer Vergangenheit."

Man wird doch mal wieder sagen dürfen. Diese rhetorische Grundfigur gegen vermeintliche Political Correctness ist es, die die AfD vereint. Sei es in Hamburg oder Brandenburg, sei es Professor oder Pegida-Mitläufer. Die dahinterstehende Sehnsucht, jetzt mal über alles neu und anders zu reden, der Wunsch nach einem irgendwie radikalen Wandel, ist in der Hansestadt genauso zu Hause wie in Ostdeutschland.