1. Freitag, am Nachmittag, noch zweieinhalb Stunden bis zum Parteitagsbeginn. Sie stehen schon Schlange vor dem Messezentrum des Maritim-Hotels, hinter dem Bremer Hauptbahnhof. Viele Männer, viele dunkle Wollmäntel. Die Gegner sind auch bereits da, ein kleines Zelt des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf dem riesigen Vorplatz. "Eure Feindbilder sind so real wie der Weihnachtsmann und nichts anderes als schlecht versteckter Rassismus", steht auf einem großen Plakat, gegen das der Regen peitscht.

 

2. "Willkommen zum größten Parteitag der Nachkriegsgeschichte" ruft die AfD-Sprecherin Frauke Petry in den jubelnden Saal. Auf der Pressetribüne sagt ein Kollege: "Der GröPaZ also." Das Antragsbuch hat 461 Seiten. Es geht dabei nur um Satzungsfragen, nicht um Inhalte. Bernd Lucke sagt: "Wir dürfen auf diesem Parteitag nichts beschließen, über das wir nicht richtig nachgedacht haben." Am Kaffeestand bildet sich die erste Schlange.

3. Herr Wegner hat das Wort, Herr Wegner ist wieder wütend, und Herr Wegner wird wieder ausgebuht. Der Hamburger hat einst die Statt-Partei mitgegründet, in der AfD ist er für seine leidenschaftlichen Geschäftsordnungskämpfe bekannt. Er und ein paar weitere, von den anderen "Querulanten" genannt, legen den Parteitag erst einmal lahm. Diesmal will er die Tagesordnung ändern, andere wollen die Debatte darüber schon beenden, bevor sie begonnen hat. 

Farbbeutel und kaputte Scheiben

 4. Dr. Bernd Baumann zeigt Fotos seines Hauses. Farbbeutel an der Fassade, eine kaputte Scheibe. Dr. Baumann ist Kandidat für die Landtagswahl in Hamburg in zwei Wochen. Auch die Wohnungen anderer Listenkandidaten seien angegriffen worden, Zehntausende Plakate zerstört oder geklaut, sagt Baumann. Er zeigt Fotos eines Antifa-Räumkommandos, das AfD-Werbeschilder gleich dutzendfach im Bulli abtransportiert. "Und kein Wort dagegen von den anderen Parteien", ruft Baumann. "Hier wird ein Klima der Angst geschaffen, der Einschüchterung, wir dürfen uns das nicht länger bieten lassen!"

 5. Hinten auf der Bühne sitzt Herwig Birg. Ein kleiner alter Mann, der ein wenig aussieht wie Alexander Gauland in niedlich, und der gleich über Demografie reden will. Das war Luckes Idee: den Parteitag mit einem "Sozialkongress" zu verbinden, eine Art Partei-Volkshochschule. Ein Mitglied aber will lieber über die Partei reden und den Vortrag verschieben. "Das können wir nicht machen", sagt Lucke. Können wir doch, ruft einer im Saal. "Aber es gehört sich nicht, sagt Lucke. "Wir wollen nicht belehrt werden, was sich gehört und was nicht", schimpft ein Mitglied.

Bockwurst mit Kartoffelsalat

 6. Herwig Birg sagt: "Ich beschränke mich auf das Wesentlichste." Auf der Folie mit der Nummer 463 zeigt er eine Grafik. "Sie können dort für jeden Kontinent drei Punkte sehen und daran ablesen, wie sich alles entwickelt." Stilles Augenzusammenkneifen im Saal. Birgs Erkenntnis: Die Deutschen werden immer älter und weniger und Zuwanderung kann das nicht lösen, weil die Zugewanderten auch weniger Kinder bekommen. Applaus.

7. Samstagmorgen. Schneeregen peitscht durch die Bremer Innenstadt. Einmal durch den Hauptbahnhof, dann noch ein paar Straßenecken Richtung Südosten: Das Musical-Theater. Im Foyer essen AfD-Mitglieder Bockwurst mit Kartoffelsalat oder sie sitzen im Saal auf den roten Samtstühlen und schauen auf die riesigen Leinwände, auf denen gezeigt wird, was im anderen Saal passiert. Es gab einfach zu viele Anmeldungen für einen Saal, deshalb hat die Partei am Samstag noch das Musical-Theater dazu gemietet, damit auch alle 1.700 angereisten Mitglieder einen Platz haben.