ZEIT ONLINE: Herr Stegner, sind Sie als SPD-Linker ein Fan von Alexis Tsipras?

Ralf Stegner: Nein, Herr Tsipras ist kein Sozialdemokrat – also kann ich kein Fan sein. Ich habe aber Respekt vor dem griechischen Wahlergebnis. Und das sollten wir prinzipiell in Deutschland haben.

ZEIT ONLINE: Ende des Spardiktats, mehr Investitionen: Was Tsipras jetzt fordert, hat die SPD im Wahlkampf auch gefordert. Warum freut sich dann kein Sozialdemokrat über Tsipras' Sieg?

Stegner: Wachstumspakt, die Superreichen besteuern, ein Aktionsplan gegen die Jugendarbeitslosigkeit – all das halten wir nach wie vor für richtig. Nur heiligt der Zweck nicht die Mittel. Darüber, dass sich eine Partei, die sich links nennt, mit einem Partner einlässt, der gegen Juden und Türken hetzt, kann sich kein Sozialdemokrat freuen.

ZEIT ONLINE: Die Partei Die Linke freut sich trotzdem.

Stegner: Wir dürfen der Links-Partei nicht durchgehen lassen, dass sie ein Bündnis mit Antisemiten und Rechtspopulisten bejubelt. Zumal Syriza auch andere Partner hätte finden können.

ZEIT ONLINE: Katja Kipping vergleicht die griechischen Rechtspopulisten mit der CSU.

Stegner: Frau Kipping ist eine echte Dialektikerin. Das macht diese Aussage aber nicht realitätsnäher. Sie ist einfach Quatsch. Ich kritisiere auch, wenn die CSU "Wer betrügt fliegt" tönt und sich bei Rechtspopulisten anbiedert – aber antisemitisch ist die CSU nun wirklich nicht. Sie sitzt im EU-Parlament bei der EVP, nicht bei AfD und Co.

ZEIT ONLINE: Wie erklärt sich ein solches Bündnis der Extreme?

Stegner: Die Empörung über die Lage war so groß und die bisherigen Regierungsparteien so diskreditiert, dass die Griechen diejenigen wählten, die am lautesten eine Kursänderung versprachen. Die Extremismus-These, wonach links außen und rechts außen Gemeinsamkeiten hätten, teile ich überhaupt nicht. Syriza beschädigt fortschrittliche Ideen und die Linke in ganz Europa, indem sie ein Bündnis mit Antisemiten und Menschenfeinden eingeht, die auch noch die gelenkte Demokratie in Russland für eine gute Idee halten. Dadurch werden Rechtspopulisten in ganz Europa aufgewertet. Wenn sich Linke nicht geschlossen gegen rechts stellen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die nächste französische Präsidentin Marine Le Pen heißt.

ZEIT ONLINE: Die Empörung ist auch in anderen Ländern groß. Kann das Athener Bündnis zu einem Modell für Europas Krisenländer werden?

Stegner: Die Gefahr ist groß. Deshalb muss die Fixierung auf die reine Kürzungspolitik ein Ende haben. Europas Finanzhilfen haben vor allem die Banken gerettet, aber kaum den Menschen geholfen. Wenn Reformen immer das heißt, was Rating-Agenturen und Finanzinstitute gut finden, nämlich dass Renten und Löhne gekürzt werden und Menschen ihren Job verlieren, dann taugt das nichts. Vor allem die junge Generation droht, sich in weiten Teilen Europas von der Demokratie abzuwenden.

ZEIT ONLINE: Die SPD ist nun seit mehr als einem Jahr wieder an der Regierung. Das ist doch Zeit genug, um diese Fixierung zu beenden.

Stegner: Wir werben und kämpfen in der Regierung ja auch dafür. Wir unterstützen Jean-Claude Junckers Investitionsplan. Wir treten dafür ein, dass Konzerne Gewinne dort versteuern müssen, wo sie erwirtschaftet werden. Da gibt es Unterschiede zur Union. Wir sind nicht für die marktkonforme Demokratie à la Merkel. Frau Merkel wird europaweit mit der Austeritätspolitik identifiziert, nicht die SPD.