Und wenn eine Bombe hochgegangen wäre? Vielleicht gerade in dem Moment, in dem eine Jugendkapelle vorüberzieht, tanzende Funkenmariechen voraus, während Schulkinder die Bordsteinkante entlangflitzen, auf der Jagd nach übersehenen Süßigkeiten?

Es fällt nicht schwer, sich den Horror auszumalen, den ein Terroranschlag auf den Karnevalszug in Braunschweig hätte auslösen können. Zugleich war es Polizeipräsident Michael Pientka anzusehen, dass er es sich nicht leicht gemacht hatte, den Zug abzusagen. Man muss kein überzeugter Jeck sein, um zu wissen, wie hart diese Entscheidung viele Braunschweiger traf. Menschen, die ein Jahr lang auf diesen Tag hingelebt hatten, Kostüme genäht, Tänze geprobt, Motivwagen gebaut hatten und nun nichts anderes wollten als feiern. Doch dann kam der Hinweis – und Kopenhagen. Sicherheit geht vor.

Geht Sicherheit vor? Am 19. Januar hat die Polizei schon einmal eine Großveranstaltung abgesagt. Es ging um eine Demonstration in Dresden; die Behörden waren vor einem möglichen Anschlag gewarnt worden. Aus der Perspektive der Polizei sind beides vertretbare Maßnahmen zur Gefahrenabwehr. Aus Sicht der Bürger sind es Eingriffe in die Freiheit.

Lebensrisiko Terror

Man kann nun argumentieren, Terrorismus gehöre zum Lebensrisiko einer freiheitlichen Gesellschaft dazu. Der Dresdener Politologe Werner J. Patzelt sagt beispielsweise, wer an einer Demonstration teilnehme, müsse ein gewisses persönliches Risiko in Kauf nehmen. Für all jene, die schon einmal gegen die deutsche Wiederbewaffnung, den Schah-Besuch, den Nato-Doppelbeschluss, gegen Kernkraftwerke und Atommülltransporte, gegen das SED-Regime, Rechtsextremisten oder zuletzt für Flüchtlinge und die Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen sind, ist das keine überraschende Erkenntnis. Immer wieder hat es Verletzte gegeben, sogar Tote. Allerdings ist es ein Unterschied, ob es im Zuge politischer Meinungskämpfe zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, oder ob jemand einen Mord plant.

Karneval ist allerdings keine politische Veranstaltung, selbst wenn einmal ein Motivwagen die Kanzlerin veralbert, sondern ein Volksfest. Jecken wollen nicht demonstrieren, sie wollen feiern. Sie denken nicht darüber nach, ob es für ihre Kinder zu gefährlich sein könnte, auf einen Wasserwerfer zu treffen wie in Gorleben, sondern höchstens darüber, wie sie all die billigen Bonbons nach Hause tragen sollen.

Trotzdem war es nicht das erste Mal, dass ein Karnevalszug wegen einer terroristischen Bedrohung abgesagt wurde. 1991 fiel in Köln der Rosenmontagszug aus; der erste Irakkrieg war gerade ausgebrochen, man fürchtete versteckte Bomben. Die Bedrohung in Braunschweig, diesen Eindruck zumindest erwecken die wenigen Äußerungen der Behörden, war wesentlich greifbarer als damals.

Doch was bedeutet es, wenn die Polizei Volksfeste absagen muss, weil sie zu gefährlich geworden sind? Zuerst macht es traurig. Dem Kölner Prinz von 1991 kamen noch Jahre später die Tränen, wenn er von seinem verlorenen Lebenstraum erzählte. Dann geht ein Stück Urvertrauen verloren. Wenn es Braunschweig hätte treffen können, so doch auch Köln, Düsseldorf oder Mainz. Wer kann da noch befreit feiern?

Doch zugleich macht uns die Bedrohung bewusst, was sich zu verteidigen lohnt: trotz der Angst Horte der Unbefangenheit zu erhalten. Aufmüpfig zu bleiben. Zu verhindern, dass wir irgendwann nur noch darüber nachdenken, wo es sicher ist und wo Gefahren lauern.

In Warendorf im Münsterland haben die Karnevalisten am Sonntag den fröhlichen Sturm auf ihr Rathaus mit einer Schweigeminute für Charlie Hebdo, die Opfer in der Ukraine und in Dänemark und wegen Braunschweig abgeschlossen. Auch das hat übrigens Tradition. Am Rosenmontag 1991 zog nämlich doch ein Zug durch Köln, eine "Mischung von in Zivil gekleideten Traditionalisten, Alternativen und Friedensinitiativen", so beschrieb ihn die Süddeutsche Zeitung. Hunderttausend Menschen standen winkend am Straßenrand. Manchmal ist feiern eben doch politisch.