Nach monatelanger Untersuchung hat die Bundesregierung nun offiziell massive Probleme bei der Treffsicherheit ihres Standardgewehrs G36 eingeräumt. "Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heiß geschossenen Zustand", sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Sie berief sich auf Bewertungen von Experten, die das von Heckler & Koch gebaute Gewehr nach Mängelberichten geprüft hatten. Nach einem Schreiben von Generalinspekteur Volker Wieker an die Kommandeure der Bundeswehr soll das Gewehr in Einsätzen etwa in Afghanistan oder Mali nur noch eingeschränkt genutzt werden. Von der Leyen schließt auch nicht aus, dass es mittelfristig ganz aus dem Verkehr gezogen wird.

Den Bewertungen zufolge seien die Präzisionseinschränkungen beim G36 signifikant größer als bei untersuchten Vergleichswaffen, teilte Wieker mit. Das G36 sei damit eindeutig Teil des Problems und nicht nur die Munition oder sonstige Faktoren. Die Mängel seien mit allen untersuchten Munitionsarten und -lieferungen festgestellt worden. 

Heckler & Koch wies die Untersuchungsergebnisse zurück und kritisierte Verteidigungsministerin von der Leyen. Die Bundeswehr kommuniziere seit rund einem halben Jahr zu dem Thema nicht mit dem Unternehmen und habe es auch nicht in die Prüfung der Waffe eingebunden, erklärte das Unternehmen. Ihm lägen auch keine Unterlagen zu den Vorwürfen vor. Es erkenne die Untersuchungsergebnisse der Bundeswehr daher nicht an.

"Die jetzt verbreiteten Ergebnisse widersprechen diametral den umfangreichen und aufwendigen Prüfungen, die Heckler & Koch angesichts aufkommender Gerüchte über eine angeblich gravierende Zielabweichung der heiß geschossenen oder durch Witterungseinflüsse erhitzten Waffe selbst durchgeführt hat", erklärte Heckler & Koch. "Diese haben bei sachgerechtem Gebrauch keine maßgeblichen Einschränkungen der Einsatztauglichkeit, insbesondere auch im Vergleich zu anderen Sturmgewehren, ergeben."

In den vergangenen Jahren hatte es mehrere widersprüchliche Berichte über die Treffsicherheit des G36 gegeben. Daraufhin hatte von der Leyen im Frühsommer 2014 eine Expertenkommission mit Vertretern der Bundeswehr, des Bundesrechnungshofs und des Fraunhofer-Instituts eingesetzt, um Klarheit zu schaffen. Der Abschlussbericht steht zwar noch aus. Die bisher vorliegenden Bewertungen wiesen aber "in eine eindeutige Richtung", sagte von der Leyen. 

Es sei gut, dass nun viele Fakten auf dem Tisch lägen. "Gut ist aus heutiger Sicht auch, dass im engen Einvernehmen mit dem Parlament bereits im Sommer 2014 alle weiteren G36-Beschaffungen gestoppt wurden", sagte die CDU-Politikerin. Sobald der Abschlussbericht der Experten vorliege, werde das Ministerium weitere Konsequenzen ziehen. "Das schließt auch die Frage ein, ob und inwieweit die Truppe auf mittlere Sicht mit einem anderen Sturmgewehr ausgerüstet werden muss", sagte von der Leyen.

G36 an Peschmerga verschenkt

In den nächsten Tagen wird der Generalinspekteur nun eine Weisung an die Soldaten im Einsatz ausgeben, wie sie weiter mit dem G36 umgehen sollen. Bei Ausbildung und Übungen soll das Gewehr "für eine Übergangszeit" weiter genutzt werden.

Die Bundeswehr hat seit 1996 von Heckler & Koch 176.000 G36 gekauft. Das Sturmgewehr wird in Afghanistan und Mali verwendet. Die Bundeswehr nutzt aber nicht alle Waffen selbst. Zuletzt wurden beispielsweise mehrere Tausend G36 an die kurdischen Peschmerga-Streitkräfte im Irak für ihren Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" verschenkt.

Die Grünen nannten das Eingeständnis der Probleme einen "Super-GAU" für die Bundeswehr: "Das Vertrauen der Truppe in die Leitung wird erneut erschüttert. Die Liste der Desaster im Rüstungsbereich wird damit um einen besonderen sensiblen Punkt länger", sagte der Haushalts- und Verteidigungsexperte Tobias Lindner.