Die Außenfassade wird gerade renoviert, aber drinnen glänzen Marmorsteine und Goldverzierungen wie eh und je. Zehn Kronleuchter schweben über der Bühne, prunkvoll bis in die Spitzen. Es ist ein festliches Arrangement im feinen Saal des Botschaftsgebäudes. Unter russischer Flagge sind die Stuhlreihen ausgerichtet, und der Verleger bittet höflich, die Anwesenden mögen doch jetzt Platz nehmen: "Die Limousine des Wirtschaftsministers fährt gerade vor."

Genau durch die Mitte des Saals kommt er dann herein, Seite an Seite mit Wladimir Michailowitsch Grinin, dem russischen Botschafter: Sigmar Gabriel, Vizekanzler, Parteivorsitzender, Wirtschaftsminister, wahrscheinlicher Kanzlerkandidat, aktuell neuer Befürworter der Vorratsdatenspeicherung – und ein alter Freund von Heino Wiese.

Wiese und Gabriel, sie kennen sich seit vielen Jahren, aus alten Hannoveraner Zeiten. Wiese war damals auch SPD-Politiker, entwarf Wahlkampfpläne für Gerhard Schröder und heckte Ideen für Gabriel aus, als der noch Ministerpräsident war. Erst als er nicht mehr wiedergewählt wurde, wechselte Wiese in die Wirtschaft. Für ein internationales Modeunternehmen verantwortete er als Exportdirektor den Aufbau einer Ladenkette in Russland. Danach gründete er seine Beratungsfirma Wiese Consult, die "an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik, insbesondere im Bereich Internationale Geschäftsbeziehungen" arbeitet, unter anderem für den russischen Stahlkonzern Severstal.

Nebenher ist Wiese auch noch Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, jenes Vereins, dem hauptsächlich große deutsche Unternehmen angehören, die Interesse am russischen Markt haben, und den das Kanzler- und das Auswärtige Amt vor einigen Monaten wegen seiner unkritischen Auseinandersetzung mit der russischen Politik reformieren wollte.

Aber das tut an diesem festlichen kulturellen Abend eigentlich gar nichts zur Sache, Wiese erwähnt es auch nicht.

Auch das nicht: Wladimir Jakunin, Chef der russischen Eisenbahngesellschaft (RŽD) und Vertrauter Putins, ist Kuratoriumsmitglied im Deutsch-Russischen Forum. Bei einem Berlin-Besuch im vergangenen Jahr warnte er vor dem "vulgären Ethno-Faschismus" im Westen und sagte, er würde eine gleichgeschlechtliche Ehe dann anerkennen, wenn er einen schwangeren Mann sehe. Jakunin und Wiese müssten sich ganz gut kennen. Jedenfalls hat RŽD ebenso wie Gazprom mitgeholfen, Wieses Buch-Idee umzusetzen, wegen der auch Gabriel an diesem Abend in die Botschaft gekommen ist.

Dass Jakunin seit fast einem Jahr wegen des Ukraine-Kriegs auf der Sanktionsliste der USA steht, störte dabei wohl nicht.