Auch Männer können Opfer häuslicher Gewalt werden. © Bodo Marks/dpa

Wenn Rainer M. von der Arbeit kommt, weiß er nie genau was ihn erwartet. Manchmal versteht er sich gut mit seiner Frau, dann wieder geht sie mit den Fäusten auf ihn los, manchmal nimmt sie auch eine Latte. Warum? Der Anlass kann ein Streit sein, aber auch etwas völlig anderes. Nicht immer sind die Auslöser für ihre Ausbrüche für den 40-Jährigen ersichtlich. Rainer M. erträgt das, seit vielen Jahren schon. Vielleicht, weil er zwei Kinder hat, vielleicht, weil er einfach nicht anders kann.

Rainer M. (Name von der Redaktion geändert) ist einer der Klienten, die in der Stuttgarter Sozialberatung Hilfe gesucht haben. Dort wird seit einem Jahr das Pilotprojekt Gewaltschutz für Männer angeboten. Am Donnerstag stellten die Verantwortlichen erste Ergebnisse vor.  

Für Projektleiter Jürgen Waldmann ist Rainer M. durchaus ein typischer Fall. "Wenn ein Mann hier auftaucht, ist er absolut verzweifelt", sagt er. Die Männer, die den Weg in seine Beratungsstelle finden, stünden unter hohem Druck. Oft hätten sie eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Denn häufig bräuchten Männer lange, bis sie nach Hilfe suchen. "Männer haben keine Opfer-Identität", sagt Waldmann. Sie fürchteten, "als Weichei" stigmatisiert zu werden, wenn sie zugeben, dass sie von ihrer Frau geschlagen oder in anderer Weise drangsaliert werden.  

Kaum verlässliche Zahlen

Hinzu kommt aber auch: Spezielle Beratungsangebote für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, sind selten. Bundesweit kennt Waldmann nur fünf andere Beratungsstellen, die sich gezielt dieser Opfergruppe annehmen. 435 Frauenhäusern stünden nur drei Männerhäuser gegenüber.

Zwar werden Frauen sehr viel öfter Opfer von häuslicher Gewalt, dennoch seien in etwa zehn Prozent der Fälle Männer die Leidtragenden, sagt Ursula Matschke, die Leiterin der Stuttgarter Abteilung für individuelle Chancengleichheit. Sie stützt sich dabei auf Angaben der Polizei in Stuttgart.

Das Landeskriminalamt Berlin ermittelte 2013 bei insgesamt rund 14.300 Fällen von häuslicher Gewalt sogar 23,8 Prozent weibliche Verdächtige. Belastbare bundesweite Zahlen fehlen. Zwar gab es vor zwei Jahren eine Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener. Diese kam gar zu dem Ergebnis, dass Frauen im häuslichen Bereich sogar häufiger zu Täterinnen würden als Männer. Andere Wissenschaftler übten später jedoch deutliche Kritik an der Datengrundlage dieser Untersuchung.

Projektleiter Waldmann hält die Debatte für zweitrangig. Entscheidend ist für ihn, dass es Männer gibt, die unter Frauengewalt leiden. Und diesen müsse man ein niedrigschwelliges und leicht auffindbares Angebot machen. Dabei gehe es nicht nur um körperliche, sondern auch um psychische Gewalt. Manche Männer litten zum Beispiel darunter, dass ihre Frauen sie demütigten oder permanent kontrollierten. Aber auch Selbstmordankündigungen oder die Drohung mit dem Sorgerechtsentzug für die Kinder könnten eine Form von psychischer Gewalt darstellen. Häufig gehe das eine in das andere über.