Erst vor einigen Wochen feierte Marian Schreier seinen 25. Geburtstag und erwarb damit das passive Wahlrecht – nun ist er seit Sonntag Deutschlands jüngster Bürgermeister. Dabei standen die Vorzeichen alles andere als günstig, als Schreier Anfang des Jahres bekannt gab, für den Posten des Bürgermeisters in Tengen, einer 4.500-Seelen-Gemeinde nahe der Schweizer Grenze, zu kandidieren.

Jung, Sozialdemokrat, dazu noch Protestant. Im konservativen und vor allem tief katholischen Süden Baden-Württembergs sind dies nicht gerade die Attribute eines aussichtsreichen Bewerbers. Überdies trat Schreier trotz SPD-Mitgliedschaft als parteiloser Kandidat an, musste also auch auf die Unterstützung eines wahlkampferprobten Ortsvereins verzichten. Sein Hauptkonkurrent, ein CDU-naher Politikberater, der mit Leadership- und Rhetorikcoachings auf seiner Homepage wirbt, und vom Alter her Schreiers Vater sein könnte, schien die Trümpfe in der Hand zu halten. Und doch entfielen auf den vermeintlichen Goliath im ersten Wahlgang nur 28 Prozent der Stimmen, während der Außenseiter mit 71 Prozent ein furioses Ergebnis einfuhr.   


Im Wahlkampf experimentierte Schreier mit allerlei Mobilisierungs- und Partizipationsformen. Dabei setzte der junge Kandidat neben der klassischen Ansprache via Ortsblatt, Dorfrundgängen und Stammtischgesprächen vor allem auf digitale Präsenz. Auf seiner Homepage führte er ein poesiealbumartiges Wahlkampftagebuch: Termine sammelte er darin ebenso wie Pressartikel, verfasste eigene Kommentare und versah manche Seiten mit gelben Post-its, auf denen so etwas stand wie: "Zugang zum Espelsee prüfen". Beim Besuch seiner professionell gepflegten Facebook-Seite konnte man Schreier dann, stets im Anzug, nur ausnahmsweise ohne Krawatte, im Gespräch mit den Bürgern, dem Pfarrer oder örtlichen Industriellen begutachten.

"Tengen passt zu mir, und ich passe zu Tengen"

Der Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht: So bemerkenswert wie das Ergebnis des jungen Kandidaten war auch die Wahlbeteiligung. Rund 70 Prozent der Wahlberechtigten gaben am Sonntag ihre Stimme ab – ein rekordverdächtiges Ergebnis, wohl auch dadurch begünstigt, dass der amtierende Oberbürgermeister nach 42 Jahren Dienstzeit nicht mehr antrat. Schreier gelang es in seinem Wahlkampf offenkundig, innerhalb seiner eigenen Alterskohorte für seine Anliegen zu werben. Sie, die insbesondere für Kommunalpolitik als äußerst mobilisierungsresistent gelten, lud Schreier via Facebook zu einem U30-Stammtisch ein. Und, wie der Südkurier tags darauf berichtete, trafen sich tatsächlich mehr als 100 Junge und Jugendliche in dem Hinterzimmer einer örtlichen Gastwirtschaft – eigentlich doch die Metapher für lokalpolitische Piefigkeit.  

Indes, und seines jungen Alters zum Trotz: Ein Underdog ist Marian Schreier nicht. Eher wirkt er mit seinen 25 Jahren bereits wie ein veritabler Polit-Profi. Seine Worte wählt er mit Bedacht, zitieren lässt er sich gern mit Sätzen wie: "Tengen passt zu mir, und ich passe zu Tengen." Selbst die Stuttgarter Nachrichten fanden daraufhin, Schreier wirke beinahe ein bisschen zu fernsehmäßig für das verschnarchte Tengen.

Mit 19 begann er sein Studium der Verwaltungswissenschaft in Konstanz, mit 20 wurde er Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, zwei Jahre später ging er nach Oxford. Eine Stelle im Berliner Büro von Peer Steinbrück trat er 2013 an, mit 23 Jahren. Dazwischen: Posten und Pöstchen in diversen Karrierezirkeln, Hospitanz bei den Vereinten Nationen und freie Mitarbeit für Onlinemedien.  

Zukunft zwischen Dorffesten und Mehrzweckhallen?

In dem Meinungsmagazin The European schrieb Schreier vor einiger Zeit eine Eloge auf Bundespräsident Joachim Gauck. Endlich ein Bundespräsident, der ein Gespür für Narrative und die großen Linien besitze, der das Amt des Bundespräsidenten von dem Mief der Wulff-Ära befreie. Über ihn, Gaucks Vorgänger, höhnte Schreier: "Mit seiner politischen Sozialisation bei der Schülerunion, deren Schauplatz die Mehrzweckhallen und Dorffeste der Bundesrepublik war, konnte er nur Wenige für Teilhabe am demokratischen Gemeinwesen ermuntern, geschweige denn begeistern."  

Man kann wohl davon ausgehen, dass Deutschlands jüngster Bürgermeister künftig selbst einige Zeit auf Dorffesten und in Turnhallen verbringen darf.