Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai in Moskau abgesagt hat, ruft in Deutschland ein gemischtes Echo hervor. Scharfe Kritik kam am Mittwoch von der Linkspartei.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi betonte zwar, dass Merkel stattdessen am 10. Mai mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Kranz am Grabmal für den unbekannten Soldaten in Moskau niederlegen wolle, sei "mehr als nichts". Dennoch tue es ihm außerordentlich leid, dass wir "diese kleinkarierte Geschichtsvergessenheit miterleben müssen".

27 Millionen Bürgerinnen und Bürger der damaligen Sowjetunion hätten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, sagte Gysi ZEIT ONLINE. "Ihnen und den insgesamt 65 Millionen Toten, darunter mehr als 6 Millionen Deutsche, des von Deutschland losgetretenen Krieges verweigert die Bundeskanzlerin mit ihrer Absage das notwendige und vollständige ehrende Gedenken", betonte er.

"Falsch und peinlich"

Auch Vizefraktionschef Wolfgang Gehrcke nannte Merkels Absage "falsch und peinlich". Differenzen mit Russland und Putin müssten in dieser Frage hintanstehen. "Eine Teilnahme an den Feierlichkeiten auf dem Roten Platz ist für die Bundeskanzlerin eine historische Verpflichtung", sagt Gehrcke. Die Absage könne als Beleidigung der russischen Bevölkerung verstanden werden.

Unterstützung bekam Merkel dagegen nicht nur aus ihrer eigenen Partei, sondern auch vom Koalitionspartner. Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Niels Annen, sprach von einer "vernünftigen Entscheidung". Wichtig sei, dass es ein gemeinsames Gedenken in Moskau gebe. "Man kann das aktuelle politische Geschehen nicht ausklammern. Derzeit sind die politischen Voraussetzungen für die Teilnahme an den offiziellen Feierlichkeiten nicht gegeben", sagte er.

Seit Russland vor einem Jahr die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim annektiert hat, ist das Verhältnis zwischen dem Westen und Moskau äußerst angespannt. Vorgehalten wird Moskau zudem, die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine in ihrem Kampf gegen Regierungstruppen zu unterstützen.

Ähnlich wie Annen äußerte sich auch SPD-Vizefraktionschef Rolf Mützenich. "Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist schwer vorstellbar, dass ein deutsches Regierungsmitglied an den Siegesfeierlichkeiten teilnimmt", sagte er ZEIT ONLINE. "Wichtig ist, dass wir mit Putin im Gespräch bleiben", betonte er. Dies sei aber durch Merkels Reise nach Moskau einen Tag nach der Militärparade sichergestellt.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), nannte Merkels Vorhaben einen "klugen Kompromiss, der sowohl die Vergangenheit würdigt als auch der Gegenwart gerecht wird".

Feier in Polen?

Noch offen ist derzeit, ob Merkel am 8. Mai an einer Gedenkfeier auf der Halbinsel Westerplatte in Polen teilnehmen wird. Dort hatte der Zweite Weltkrieg 1939 mit einem Angriff durch die deutsche Wehrmacht begonnen. Der polnische Präsident Bronisław Komorowski hatte bereits vor einigen Wochen angekündigt, dass er nicht an den Feierlichkeiten in Moskau teilnehmen werde. Stattdessen wollte er die europäischen Staats- und Regierungschefs nach Polen einladen.

Bisher sei keine derartige Einladung eingegangen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch. Sollte dies der Fall sein, werde man das Anliegen "wohlwollend prüfen".

Seibert begründete Merkels Absage damit, dass es für die Bundeskanzlerin derzeit nicht angemessen sei, an einer russischen Militärparade teilzunehmen. Gleichwohl sei es wichtig, dass es ein Zeichen der gemeinsamen Erinnerung geben werde. "Die Pflicht, der Toten zu gedenken, besteht unabhängig von dem, was uns zur Zeit von Russland trennt." Deswegen habe sich Merkel 2014 auch dafür eingesetzt, dass Putin im vergangenen Juni trotz der Annexion der Krim an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie teilnehmen konnte.