Eine Pegida-Demonstration in Karlsruhe © Daniel Naupold/dpa

Reiko Beil hat ein Projekt: Dem Volk wieder zur Macht verhelfen. Seit zwei Monaten arbeitet er daran, Schritt für Schritt kommt er voran, und an diesem Donnerstag hat er einen großen Schritt getan. So sieht er das zumindest.

Beil ist mal bei Pegida mitgelaufen. Jetzt aber redet er mit Politikern. An diesem Donnerstag mit Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz und einem Referenten aus dem Entwicklungshilfeministerium. Er hat sie mit den Fragen seiner Initiative Dialog2015 bekannt gemacht, die er für die des Deutschen Volkes hält.

Beil und seine Initiative sind die neueste von vielen Kuriositäten, die die Pegida-Bewegung beschert hat, seit sie vor einigen Monaten begann, auf Dresdens Straßen gegen die angebliche Islamisierung zu demonstrieren. 

Vor zwei Monaten hat sich die Gruppe gefunden. Seitdem hat sie sich mit sächsischen CDU-Abgeordneten getroffen, mit dem CDU-Innenminister Markus Ulbig, und schließlich mit Vaatz. Der hat für sie einen Termin mit dem Staatssekretär im Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit arrangiert. Das sorgte, als es vor wenigen Wochen bekannt wurde, für einige Aufregung: Bundesregierung trifft sich mit Pegida! 

Beil trat dann auch selbst auf bei Pegida. Organisator Lutz Bachmann hatte ihn gebeten, seine Sache zu erklären. Beil stieg schlotternd auf die Bühne und begann ins Mikro zu sprechen. Darüber, dass die Sache der Demonstranten zu den Politikern gelangen müsse. Dass es deswegen bereits einen Termin in einem Berliner Ministerium gäbe. Dass man auf seiner Website über zwölf Fragen abstimmen könne, die man der Politik übermitteln wolle. Und schließlich: Dass der Ruf "Lügenpresse" ihrer gemeinsamen Sache nicht dienlich sei. 

Ist dies, staunte man, die Domestizierung von Pegida? Werfen sich die einst wütenden Demonstranten nun in die Arme der bundesdeutschen Demokratie?

Buhrufe für Beil

Nein. Auf der Demo begannen sie zu buhen. Einige Tage später distanzierte sich Pegida auf ihrer Facebook-Seite von Beil. Dessen Leute seien Trittbrettfahrer, die ihr "eigenes Süppchen" kochten. Beil werde künftig nicht mehr auftreten. Das ist deswegen überraschend, weil Bachmann selbst kurz davor gesagt hatte, er unterstütze Beils Bemühungen. 

Beil selbst spricht plötzlich hart über Pegida. Die Bewegung laufe Gefahr, rechtspopulistisch zu werden. Die gebildete Mittelschicht – für Beil war sie anfangs dominierend – habe sich abgewandt, unter den immer noch mehreren Tausend Demonstranten seien inzwischen hauptsächlich Leute vom Land und spaßorientierte Jugendliche, wie er sie nennt. Menschen, die platte Parolen erwarteten. 

Beil, so sagt er das, will Scharnier zwischen Pegida-Anhängern und Politik sein. "Mein Ziel ist es, den Dresdenern klarzumachen, dass sie nicht auf die Straße müssten, um ihre Anliegen durchzusetzen." Dafür gebe es Abgeordnete und ihre Bürgersprechstunden. "Das hab' ich ja auch lang nicht gewusst", sagt Beil. 

Ist das also die Kuschelvariante von Pegida? Was ist das Ziel? Den Leuten zu erklären, dass sie Abgeordnete auch einfach mal anrufen können?  Oder will Beil selbst auch ein wenig berühmt sein wie Bachmann?

Das Volk, im Singular

Er habe mit dem Kampf gegen die angebliche Islamisierung nie was anfangen können, sagt er. Die zwölf Fragen seiner Gruppe sind vergleichsweise harmlos. Sie könnten auch auf einer SPD-Regionalkonferenz gestellt werden. Es geht um das Freihandelsabkommen TTIP, den Stellenabbau bei der Polizei, die Einführung von Volksentscheiden, den Fachkräftemangel und die Flüchtlingspolitik. 

Der Unterschied: Bei Beil existiert das Volk und sein Wille meist im Singular. Und der Syrienkrieg, sagt er, sei von den USA im Auftrag des Großkapitals ausgelöst worden. Wenn er verlangt, solche Fragen "müssten einer Beantwortung zugeführt werden", fühlt man sich kurz wie montagabends in Dresden.