Gerüchte aufschnappen und überprüfen – im Grunde besteht ein Großteil der Arbeit der Sicherheitsbehörden genau darin. Jedenfalls in der Terrorabwehr. "Ich habe gehört/jemand hat gesagt/uns wurde zugetragen, dass ...": So in etwa muss man sich die Urform der "Hinweise" vorstellen, die dazu führten, dass zuletzt in Bremen und zuvor in Braunschweig und Dresden das öffentliche Leben beeinträchtigt wurde. In all diesen Fällen maßen Polizeien und Nachrichtendienste den Hinweisen ausreichend Gewicht bei, um Alarm zu schlagen.

Better safe than sorry, könnte man diese Devise nennen. Und es ist richtig, dass im Spiegel der Anschläge in Brüssel, Paris und Kopenhagen auch vage Hinweise ernst genommen werden. Trotzdem gibt es ein Problem. Denn zugleich verharren die Sicherheitsbehörden in ihrer antrainierten Zurückhaltung, wenn es um die Erläuterung ihrer Entscheidungen geht. Je häufiger wir solche Unterbrechungen des öffentlichen Lebens hinnehmen müssen, desto mehr tritt aber neben das Geheimhaltungsbedürfnis ein zweites Gut: die bestmögliche Aufklärung der Öffentlichkeit. Die Bürger müssen nachvollziehen können, warum wie entschieden wurde. Das beugt irrationaler Verunsicherung ebenso vor wie dem Gefühl, alles sei übertrieben. So sicher wie nötig, so transparent wie möglich: Das sollte daher die zweite Devise sein.

Dass bestimmte Informationen nicht geteilt werden können, weil das den Informationsfluss gefährden, Ermittlungen torpedieren oder potenziellen Attentätern einen Vorteil liefern würde, ist klar. Aber etwas mehr Transparenz und Klarheit sind schon möglich.

Es ist der Öffentlichkeit durchaus zuzumuten, dass sie zum Beispiel erfährt: Ja, wir haben uns namentlich bekannte Personen gesucht – und sie gefunden oder eben nicht; oder: Einer der Hinweise kam von einem Partnerdienst im Ausland, dessen Quellen wir nicht kennen, aber angeblich sei ein Anschlag geplant, und wir fanden das Szenario plausibel genug, um dem nachzugehen – mit folgendem Ergebnis; oder: Mehrere Radikale haben darüber diskutiert, dass man sich bewaffnen müsse, und deshalb haben wir eine Reihe von Personen überprüft – und dabei dies und jenes festgestellt.

"Die Lage hat sich etwas entschärft"

Bisher unterscheiden die Sicherheitsbehörden in ihrer Kommunikation hauptsächlich zwischen "abstrakter Gefahr" und "konkreten Hinweisen". Diese Grenze verschwimmt zusehends. Wenn ein V-Mann einen Ort und einen Zeitpunkt nennt, an dem ein ihm Unbekannter möglicherweise etwas plant – so wie es wohl in Braunschweig der Fall war: Ist das dann abstrakt oder konkret? Und kann ein mündiger Bürger nicht viel mehr mit der eigentlichen Information anfangen? Die übrigens kurz nach der Absage des Karnevalsumzugs sowieso in den Medien auftauchte.

In Dresden war den Medien bekannt, dass ein Dschihadist via Twitter zum Mord an einem Pegida-Organisatoren aufgerufen und dessen Foto verbreitet hatte. Ja, aber da sei noch mehr gewesen, beteuerten die Behörden. Nur was, das wollten sie nicht einmal andeuten. Aus gutem Grund oder aus Gewohnheit?

In Bremen hat die Polizei ihre massive Präsenz auf den Straßen nach einigen Tagen wieder zurückgefahren. Aber ist das gleichbedeutend mit Entwarnung? Und wenn nicht: Wieso hat sie ihre Präsenz dann reduziert? Erst spät wurden die Ermittler vergleichsweise konkret: Eine Gruppe von Salafisten soll sich Waffen für den Weiterverkauf beschafft haben, ein Anschlag sei nicht ausgeschlossen. Waffen wurden jedoch nicht gefunden, die Sicherheitsmaßnahmen würden zurückgefahren, "die Lage hat sich etwas entschärft", teilte Innensenator Ulrich Mäurer mit. Wirklich hilfreich ist das nicht.

In manchen Staaten gibt es Farbcodes für verschieden intensive Gefährdungslagen. Oder festgelegte Sprachregelungen. Vielleicht brauchen wir ein ähnliches System, eine Art Bedrohungsmatrix, deren Kriterien öffentlich sind. In jedem Fall ist es an der Zeit, dass Polizeien, Nachrichtendienste und Innenministerien sich Gedanken machen, welche Informationen man zu welchem Zeitpunkt der Öffentlichkeit mitteilen kann. Nicht zuletzt, weil wir vermutlich noch mehr Alarmtage wie in Dresden, Braunschweig und Bremen erleben werden.