"Beobachtungen zeigen, dass täglich Vergewaltigungen, sexuelle Gefälligkeitsdienstleistungen und Prostitution stattfinden": Dieser Satz hat vergangene Woche für Wirbel gesorgt. Er stammt von großen Flüchtlingsorganisationen und bezieht sich auf die Münchner Bayernkaserne, eine der bundesweit größten Erstaufnahmen für Flüchtlinge. Der Satz sollte aufrütteln und den schwächsten der Schwachen helfen: Frauen, die alleine flüchten und schutzlos von Menschenhandel und sexueller Gewalt bedroht sind.

Inzwischen sieht es so aus, als könnte er das Gegenteil bewirken. Dass Frauen auf der Flucht regelmäßig Opfer von Gewalt werden, daran zweifelt kaum jemand. Aber die Zahl der Übergriffe scheint aus der Luft gegriffen. Und schon werden Vorwürfe gegen die NGOs laut. Helfer sehen ihre Arbeit von Jahren in Gefahr. Denn während sich die politische Debatte um deren Glaubwürdigkeit dreht, bleiben die auf der Strecke, um die es gehen sollte: Flüchtlingsfrauen, die noch immer keine Vorhänge an den Fenstern oder Schlösser an den Toiletten haben.

Was genau war geschehen?

Vergangenen Donnerstag stellte der Münchner Landtagsabgeordnete Hans-­Ulrich Pfaffmann (SPD) eine Anfrage an die Landesregierung: Er wollte wissen, was die Behörden über sexuelle Gewalt in Flüchtlingsunterkünften wissen. In seiner Anfrage zitierte Pfaffmann ein Papier des Aktionsbündnisses für Flüchtlingsfrauen, ein Netzwerk von großen Hilfsorganisationen. In ihrem Schreiben prangern Flüchtlingsorganisationen an: In den Unterkünften werden täglich Frauen Opfer von Vergewaltigungen.

Allein: Der Text des Bündnisses war nicht fertig, als er im Landtag zitiert wurde – und war in diesem Zustand wohl nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Von insgesamt 30 Organisationen, die gegenzeichnen sollten, hatten erst drei unterschrieben. Und die werden damit wohl vorerst alleine bleiben. Denn inzwischen distanzieren sich selbst NGOs von dem Schreiben, die seit Jahren Lobby machen für den Schutz von Flüchtlingsfrauen. So auch Monika Cissek-Evans.

Auf dem Weg zur Arbeit muss sie an einem Wachmann im Glaskasten vorbei, ein Türöffner summt, die Türe aus Stahlgitter schwingt zur Seite. Die Bayernkaserne im Münchner Norden: Hinter hohen Mauern wohnen auf 48 Hektar zeitweise mehr als 1.000 Flüchtlinge. Die Mauern bieten Sicherheit nach außen, doch was geschieht dahinter?