Normalerweise sitzt hier Günther Jauch mit seinen mal mehr, mal weniger prominenten Gästen. An diesem Montag haben im Innenraum des ehemaligen Gasometers in Berlin-Schöneberg ganz normale Menschen das Wort – wenn auch nur auf der Leinwand. "Menschen sind mir wichtig", sagt da ein Vater mit Kind auf dem Schoß. Eine Frau in grüner Krankenhauskluft findet, es seien Liebe und Gesundheit, die das Leben ausmachen. "Sich umsorgt fühlen", sei für sie das Entscheidende, sagt eine Rentnerin.

In der ersten Reihe sitzen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und schauen aufmerksam nach oben. Gerade schiebt ein Bäckermeister auf der Leinwand seine Brötchen in den Ofen. "Ohne Arbeit kann ick nich", sagt er. Da wendet sich Merkel kurz dem Koalitionspartner zu, die beiden nicken verständnisinnig.

"Was ist Ihnen wichtig?" und "Was macht Lebensqualität in Deutschland aus?", das wollen die Regierenden in den kommenden Monaten von ihren Wählern erfahren. An diesem Montag eröffneten Kanzlerin und Vizekanzler bei einer Auftaktveranstaltung einen Bürgerdialog, der sich mit diesen Fragen befassen soll. Geladen waren vorerst allerdings nur Mediatoren, die die einzelnen Gesprächsrunden organisieren werden.

Geplant sind laut zugehöriger Website bis Ende Oktober 180 Veranstaltungen im ganzen Land, organisiert von Kirchen, Verbänden, Stiftungen und Organisationen aller Art. Der Sozialdienst katholischer Frauen gehört genauso zu den Gastgebern wie mehrere Lesben- und Schwulenverbände, der Zentralrat der Muslime oder der Deutsche Bauernverband. Die Regierung will zunächst nur beobachten, ab Juni werden dann aber sämtliche Minister in zusätzlichen Veranstaltungen auch als Gesprächspartner auftreten. Auch die Kanzlerin hat drei Termine eingeplant. 

"Wir sind neugierig"

Dabei ist es wohl nicht in erster Linie ein Wissensdefizit, das die Politik hier beheben will – auch wenn Merkel in ihrem Eingangsstatement beteuert: "Wir kennen die Antworten nicht, wir sind neugierig". Schließlich erhebt die Regierung in zahlreichen Umfragen ständig die Meinung der Deutschen zu allem Möglichen. Und jeder Abgeordnete sollte, wie Gabriel betont, eigentlich in einem permanenten Bürgerdialog stehen.

Dass die Regierung nun selbst das Gespräch sucht, hat einen anderen Grund. "Viele haben den Eindruck, dass sie von der Politik nicht gehört werden", sagt Gabriel. Die Parteien bekommen das seit Langem zu spüren. Sinkende Wahlbeteiligung, abnehmende Mitgliederzahlen, kommunale Ämter, die mangels Bewerber nicht besetzt werden können und nicht zuletzt die Pegida-Demonstranten auf den Straßen: Das Interesse und die Beteiligung an den etablierten Formen der Politik sind rückläufig.

Der Bürgerdialog ist zumindest ein Versuch, dieser zunehmenden Entfremdung von Regierenden und Regierten etwas entgegenzusetzen. "Wenn sich die Politik wieder für die Meinungen der Menschen interessiert, interessieren die sich auch wieder für Politik", beschreibt Podiumsteilnehmer Ulrich Aengenvoort, der Leiter des Deutschen Volkshochschulverbandes, die große Hoffnung, die hinter dem Dialog steckt.

Skepsis ist angebracht

Kann das klappen? Skepsis ist angebracht. Eines der Probleme dürfte zum Beispiel sein, dass die Antworten zu allgemein ausfallen. Auch Merkel und Gabriel werden während der Veranstaltung gefragt, was sie für gutes Leben halten. "Dass ich selbst und meine Familie gesund sind", sagt Merkel da zum Beispiel. Und dass sie "eine Arbeit habe, die Spaß macht". Gabriel wiederum erwähnt seine Töchter. Im Übrigen sei es wichtig "anständig durchs Leben zu kommen".

Viele Menschen würden wohl ähnliche Antworten geben. Aber muss man wirklich einen Bürgerdialog machen, um zu wissen, dass den meisten soziale Beziehungen, Gesundheit, eine sinnvolle und annehmbar bezahlte Arbeit sowie Sicherheit wichtig sind? Wohl kaum.

Auf der anderen Seite dürfte das, was die Menschen unter Lebensqualität verstehen, auch wieder so vielfältig sein wie 80 Millionen Deutsche eben auch. Einen Eindruck davon geben die ersten Antworten, die am Montag auf der gerade freigeschalteten Website veröffentlicht werden. Da wünscht sich die Mutter eines behinderten Kindes mehr Unterstützung, ein anderer Diskutant fordert mehr Verständnis für Transsexuelle und eine weitere Mutter findet, dass 20 Krankentage pro Kind zu wenig sind.