Stau vor der Einfahrt der Firma W-Pack in Bremen: Ein Lkw blockiert die Straße, es geht nicht vor und nicht zurück. Auf dem Hof ist kein Platz, hier werkeln die Bauarbeiter an einer neuen Laderampe. Die Firma handelt mit Verpackungen, großen und kleinen: Obstschalen für Supermärkte oder Menüboxen für die Dönerbuden. Es riecht nach Pappe. 

Die neue Hoffnung der FDP ist an einem ziemlich bodenständigen Ort zu Hause. Lencke Steiners Büro befindet sich im ersten Stock über dem Lager, ebenso wie das der sechs Verwaltungsmitarbeiter. Seit fünf Jahren ist die heute 29-Jährige Geschäftsführerin des Betriebes im väterlichen Firmenkonglomerat. In der picobello aufgeräumten Teeküche hängt das Monatsziel an der Wand, die Summe springt jedem Besucher sogleich ins Auge.    

Lencke Steiner setzt sich gerne Aufgaben und sie kommuniziert sie ohne Scheu. Ihr neustes Ziel: Die FDP in Bremen über die Fünf-Prozent-Hürde hieven. Elf Tage hat sie noch Zeit, am 10. Mai wird im Stadtstaat ein neues Parlament gewählt. Wenn sie auf ihren plötzlichen Einstieg in die Politik angesprochen wird, antwortet Steiner mit einer Plattitüde: "Man sollte nicht immer meckern, sondern was verändern." 

Die perfekte Antithese

Wer ist diese Frau? Sie ist parteilos, hatte sich bisher nicht für die FDP engagiert. Die Spitzenkandidatur fiel ihr zu. Was auch mit der besonders leidvollen Geschichte der Partei in Bremen zu tun hat: 2011 scheiterte sie an der Fünf-Prozent-Hürde, ist außerparlamentarisch zerstritten, ohne hoffnungsvolles Personal. Um die Geschichte des Wiederaufstiegs der FDP zu erzählen, brauchte Parteichef Christian Lindner einen charismatischen Kandidaten, am besten natürlich eine Frau.

Die "Freien Demokraten", wie sie sich jetzt nennen, suchen den Kontrast zu den früheren Jahren als kalte Männerpartei. Man(n) kam auf Steiner, in Bremen eine lokale Prominenz, weil sie Vorsitzende des Bundesverbands Junger Unternehmer ist und zudem bei Vox Jurorin in einer Show für Existenzgründer.

"Eine neue Generation Bremen" titeln nun die Plakate mit der gutaussehenden blonden Steiner. Es ist der perfekte Gegensatz zum zunehmend bräsig wirkenden Bürgermeister Jens Böhrnsen, dessen SPD seit 70 Jahren die Stadt regiert.      

Luxusaffine Alternative

Hier macht die FDP nun gut gelaunten Persönlichkeitswahlkampf. Steiner hat kein Problem damit herauszustechen: Sie trägt gern schicke Klamotten und ziemlich hohe Absätze. Sie präsentiert sich gern und ihr Leben: Es gibt Medienberichte über ihre Hochzeit mit einem Firmenerben – sie gab das Brautfoto dazu. Für die Flitterwochen, so war zu erfahren, ging es in ein schickes Hotel nach Tirol. Und Vox durfte für den Trailer der Show "In der Höhle des Löwen" den obligatorischen Schwenk über ihre Beine fahren.   

Steiners selbstbewusster Auftritt steht im schön-schillernden Kontrast zum bodenständigen Hinterhof-Firmenkonglomerat des Vaters. "Champagner für alle? Cabrios im Nahverkehr? Grundrecht auf Mode?" stand auf ihrem ersten Wahlplakat: "Was will die eigentlich?". 

Provokation, na klar. Aber die Frage ist nicht ganz unberechtigt. Denn ihre Positionen sind wenig überraschend: Die FDP-Kandidatin setzt sich für eine unbürokratischere Gründerkultur ein. Sie will Wirtschaft als Fach in Schulen und private Nachhilfeinitiativen. Bremens desaströse Haushaltslage spielt hingegen kaum eine Rolle in ihren Ausführungen.   

Ihre Hauptaufgabe ist es, das wirtschaftsliberale Lager Bremens aus der Agonie holen. In dem gerade einmal 650.000 Einwohner starken Bundesland gibt es durchaus Potenzial für die Partei: Bremen ist zwar einerseits bitterarm, hat aber die höchste Millionärsquote in Deutschland. Einige Großunternehmen wie Mercedes haben hier ihre Niederlassung, Bremen ist fünftgrößter Industriestandort. Und die CDU ist zerstritten und für viele dank mehrerer inhaltlicher Kehrtwenden unglaubwürdig.

Westerwelle sagt ihr nichts

Im kleiner werdenden Lager rund um den ehemaligen Parteichef Guido Westerwelle fragen sie sich, warum dessen Spaßwahlkampf zur Bundestagswahl 2002 eigentlich immer so gegeißelt werde, wenn die Liberalen – pardon: Freien Demokraten – ihn gerade wiederholen.

Steiner kannte diese Episode der FDP-Geschichte gar nicht, wie ein Journalist letztens aufschnappte. 16 war sie, als der langjährige Parteichef Westerwelle ins Big-Brother-Haus einzog. "Nee, peinlich", das Projekt 18 von Guido Westerwelle habe ihr nichts gesagt, bestätigt sie auf Nachfrage.

Sowieso war sie nie ein Politik-Aficionado. Im August 2013 erzählte Steiner, die damals noch ihren Mädchennamen Wischhusen trug und als Vertreterin der jungen Unternehmergeneration interviewt wurde, dem Magazin Cicero, sie wisse eigentlich nicht, wen sie bei der Bundestagswahl wählen solle. Die FDP geißelte sie damals dafür, dass sie den Euro-Rettungsschirmen zustimmte. Parteichef Lindner ist darauf bis heute stolz.