Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Hans-Peter Bartels (SPD), hat einen Ersatz für das in der Kritik stehende Sturmgewehr gefordert. "Die Bundeswehr muss für das G36 ein neues Gewehr anschaffen", sagte Bartels der Bild am Sonntag. Als Grund gab er an, dass die Waffe "offenbar nur begrenzt einsatzfähig" sei. Auch Tobias Lindner, Verteidigungsexperte der Grünen im Bundestag, sagte: "Das Ministerium muss das G36 entweder zügig nachbessern oder als Ersatz ein neues Gewehr beschaffen."

Eine Untersuchung im Auftrag des Verteidigungsministeriums hatte dem G36 schwere Mängel attestiert. Demnach ist das Gewehr sowohl bei einer Erwärmung durch Dauerfeuer nicht zuverlässig als auch bei wechselnden Außentemperaturen. Die Treffwahrscheinlichkeit sinke bereits nach wenigen Schüssen, schreiben die Fachleute. Auch der Wechsel von einer trockenen in eine feuchte Umgebung führe zu Problemen.

Die Opposition im Bundestag erhöhte den Druck auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. "Die Ministerin muss auch die Fehler unter ihrer Führung schonungslos aufklären", sagte die verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Agnieszka Brugger, dem Tagesspiegel. Sie erwarte, dass von der Leyen "am Mittwoch im Ausschuss persönlich Rede und Antwort steht und sich nicht wieder vor der Diskussion im Parlament drückt".

Auch der außenpolitische Sprecher der Linksfraktion, Jan van Aken, verlangte ein Erscheinen der Ministerin im Ausschuss. Von der Leyen müsse "erklären, warum sie erst im Herbst reagiert und die Beschaffung gestoppt hat". Die Linksfraktion habe etliche Fragen zum G36. "Wenn das Ministerium nicht bereit sein sollte, uns diese Fragen zu beantworten und die dafür erforderlichen Akten zur Verfügung zu stellen, dann brauchen wir einen Untersuchungsausschuss", sagte van Aken.

Hersteller bereit über Änderungen zu reden

Der Hersteller des G36 verteidigt sich gegen die Kritik an dem Sturmgewehr. "Es kann einfach nicht sein, dass nun nach zwanzig Jahren entdeckt wird: Das Gewehr taugt nichts", sagte Andreas Heeschen, Haupteigentümer der Waffenschmiede Heckler & Koch, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). "Was wir herstellen, ist zu 100 Prozent einsatzfähig."

Heeschen sagte, auf das G36 könnten sich "die Soldaten jederzeit verlassen". Natürlich könne aber über Veränderungen geredet werden, seine Firma sei "jederzeit bereit", für sie zähle "alleine der Soldat".

Zugleich kritisierte Heeschen, dass nicht berücksichtigt würde, dass sich die Rahmenbedingungen für den Einsatz der Waffe geändert hätten. "Wer als Single ein Cabrio kauft und dann jahrelang damit fährt, kann sich doch nicht nach Hochzeit und vier Kindern plötzlich beim Hersteller beschweren und sagen: 'Das ist ein Mist-Auto, wir passen da nicht rein'."

Auch dem Spiegel-Bericht, wonach beim G36 Vorschriften zur Qualitätskontrolle missachtet worden sind und Heckler & Koch die amtliche Prüfung der Gewehre selbst durchführen durfte, widersprach Heeschen. "Das ist nicht so, und das war auch vor 2007 nicht so. Es entspricht den Tatsachen, dass Heckler & Koch das Gütesiegel auf die Waffen lasert. Diese hoheitliche Maßnahme geschieht aber nur auf Weisung." 

Heckler & Koch behält sich nach den Worten Heeschens auch rechtliche Schritte vor, "wenn wir feststellen, dass die Untersuchungen nicht rechtmäßig durchgeführt wurden". Das könne aber erst geprüft werden, wenn der Bericht tatsächlich vorliege. "Zurzeit wissen wir nicht einmal, warum genau das Gewehr angeblich Probleme machen soll."

Peschmerga finden G36 super

Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Irak haben keine Probleme mit dem Gewehr. "Bei uns hat es keinerlei technische Probleme mit dem G36 gegeben. Im Gegenteil: Die Waffe ist super", sagte der Peschmerga-Minister Mustafa Sajid Kadir. "Sie funktioniert einwandfrei. Wir hätten gerne mehr davon."

Die Bundeswehr hatte den Kurden im vergangenen Jahr zusammen mit anderen Waffen 8.000 G36-Gewehre für ihren Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat geschenkt.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wird die G36 in 37 Ländern von Streitkräften und Polizei genutzt. Die Armeen Litauens und Lettlands haben sie wie die Bundeswehr zur Standardwaffe gemacht.

Nach Angaben des lettischen Verteidigungsministeriums unterscheidet sich das dort genutzte Modell "erheblich" von der deutschen Variante. Bislang seien daran keine Probleme festgestellt worden, sagte eine Sprecherin.

Auch im benachbarten Litauen ist die Affäre in Deutschland bislang kein Thema. Die Militärführung sei sich zwar "bewusst, dass andere Länder mit Problemen bei der Genauigkeit und der Robustheit bestimmter Teile des G36 konfrontiert waren", sagte ein Befehlshaber der litauischen Armee. Es gebe aber keine Überlegungen, die Waffe deswegen zurückzuweisen. Vielmehr gebe es Pläne, zusätzliche G36 zu bestellen.