Immer weniger Eltern schicken ihre Kinder auf die Hauptschule, um der Stigmatisierung zu entgehen.

"Für die einen ist es der Abschluss, für die anderen die längste Sauftour der Welt." Dieser Spruch zierte das Abschlussbuch meines Jahrgangs in der Hauptschule. Das Traurige daran ist, dass dieser Scherz für viele meiner ehemaligen Mitschüler bittere Realität wurde. Sie hatten kein Selbstwertgefühl und es fehlten ihnen oft Bezugspersonen, die ihnen halfen, sich zum Lernen zu motivieren. Sie fühlten sich ohnmächtig und frustriert. Was sich Luft machte in Sätzen wie "Entweder ich krieg’ einen guten Job oder ich werde kriminell!" oder "Du wirst bestimmt irgendwo als Alkoholleiche enden!" 

Wir wurden entsorgt, weil wir in einer bestimmten Phase des Lebens einfach nicht genug Leistung gebracht hatten. Wir waren "Abweichler", deren Strafe die ewige Verdammnis war. So fühlte sich die Hauptschule an. 

Aber wie war ich überhaupt dort gelandet? Ich stamme aus einer indischen Einwandererfamilie, die man dem Mittelstand zuordnen kann. Meine Eltern versuchten alle Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass ich eine gute Bildung und Erziehung genießen konnte. In der Grundschule war ich jedoch eher mittelmäßig, oft sehr verträumt und jemand, der ungern aus sich herausging. Am Ende der vierten Klasse stand zwar eine Realschulempfehlung auf dem Zeugnis, aber ich musste ein Jahr später in die Hauptschule wechseln. Ich sei zu unkonzentriert und nachlässig, was sich in meinen Noten widerspiegelte. Meine Mutter war verzweifelt, weil sie von hohen Bildungsabschlüssen ihrer Kinder geträumt hatte. Jetzt zweifelte sie an ihrer Erziehung und an meiner Zukunft. Das war vielleicht mein Glück. 

Wir sind der letzte Dreck 

Aber erst einmal war ich nun da, im Sammelbecken der Schulversager. Kurz nachdem ich zum ersten Mal den Klassenraum betreten hatte, beging ich schon den ersten Fehler. Ich setzte mich neben den größten Rüpel der Klasse, was ihn sichtlich sauer machte. Als Deutscher mit indischen Wurzeln bekam ich von ihm wiederholt ins Ohr geflüstert: "Scheiß Türke!" Das tat er solange, bis ich so sauer wurde, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem einen Schlag ins Gesicht verpasste. Auf dem Schulhof schauten Lehrer in diesen Fällen gern mal weg. Das Recht des Stärkeren regierte. 

Meine Freunde von der Realschule hatten bald keine Zeit mehr für mich. Ich war uncool geworden. Das Prinzip einer eher unnatürlichen Selektion ließ mich eine Stufe tiefer in der Nahrungskette sinken. 

Wir sprechen übrigens von einer Hauptschule in einer Kleinstadt im Norden Deutschlands, nicht in einem Brennpunktviertel einer Großstadt. Trotzdem gehörten aggressive Cliquen, Mobbing gegen Lehrer und wilde Zerstörungswut von Tag eins zu meinem Alltag. Sarrazin würde es kaum glauben, aber Jugendliche mit Migrationshintergrund konnte man an der Hand abzählen. Ich merkte schnell, dass meine Mitschüler mit ein paar Ausnahmen davon ausgingen, nichts zu können. Sie flüchteten in eine kleine übersichtliche Welt, in der Schule und Lernen abgewehrt wurden und sie sich durch exzessiven Konsum von Filmen, Fernsehen und Computerspielen ablenkten. Meist stammten sie aus prekären familiären und sozialen Verhältnissen.  


Ich wollte, was ich nicht sollte 

Sprachschwierigkeiten und funktionaler Analphabetismus waren in den Klassen meiner Schule genauso normal wie mangelhaftes Schulmaterial. Darüber hinaus sorgte das Stigma der Hauptschule dafür, dass wir die Prophezeiungen stets auch erfüllten. Wenn Eltern, Lehrer, Freunde und Bekannte zu wissen glauben, dass dieses oder jenes Defizit ein unüberwindbares Hindernis für den ordentlichen Abschluss oder einen guten Job ist, dann wird diese Vorhersage zum gedanklichen Parasit, der nicht ruhen wird, bis er sich festbeißen und entfalten kann. 

Ohne Zweifel gab es kluge Köpfe in unseren Reihen – deren Potenzial jedoch unentdeckt blieb. Wenn einer einen kreativen Aufsatz schrieb, musste es ein Plagiat sein. Wenn einer gute Klausuren ablieferte, musste ein Spickzettel im Spiel gewesen sein. Und hatte einer einen ausgefallenen Berufswunsch, dann mahnte der Lehrer: "Das Leben ist kein Wunschkonzert!". Das erinnert mich an eine Stelle im Hollywood-Blockbuster Interstellar. Der Schulleiter fordert von der Tochter des Helden, dass sie in der Schule nicht von der Mondlandung schwärmen solle: "Wir müssen die Kinder über diesen Planeten unterrichten und ihnen keine Geschichten erzählen, ihn zu verlassen!" Auch ich sollte die Hauptschule nicht verlassen. 

Heute studiere ich. Das, was mich rettete, waren der sanfte Druck und die Erwartungen meiner Eltern. Sie haben von mir Disziplin und die Einhaltung von moralischen Regeln eingefordert. Ich hatte dadurch einen erheblichen Vorteil innerhalb der Klassengemeinschaft. 

Die Hauptschulen müssen weg 

Das gesellschaftliche Etikett "Versager" muss verschwinden. Nur noch zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland besuchen heute noch eine Hauptschule. Deshalb wurden Hauptschulen zu Recht in vielen Bundesländern abgeschafft, um faire Zukunftsperspektiven für Jugendliche in Deutschland zu forcieren.  

Bisher haben Hauptschüler, trotz des allseits bekannten Fachkräftemangels, sehr schlechte Chancen auf eine Ausbildung. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge fängt ihre Ausgrenzung bereits in den Stellenausschreibungen an. Unternehmen versuchen, Jugendliche mit höherer Bildung anzulocken, selbst wenn die gar nicht notwendig ist für die Tätigkeit. Vielleicht kann sich der Hauptschulabschluss rehabilitieren, wenn er nicht mehr an die Schule der Versager geknüpft ist. Von alleine geht das sicher nicht: Benachteiligte Jugendliche müssen auch in den Gemeinschaftsschulen besonders gefördert werden, um ihr Selbstwertgefühl und ihre Talente zu stärken. 

Ich kenne Menschen mit außergewöhnlichen Talenten, die nun arbeitslos sind. Nicht aufgrund von Arbeitsplatzmangel, sondern weil das deutsche Schulsystem sie als "nutzlos" abstempelte.