Eigentlich sollte der Sonntagabend den Bremern gehören, eigentlich wollte die AfD hier möglichst harmonisch ihren Einzug in das fünfte Landesparlament in Folge feiern. Doch es war noch nicht einmal die erste Hochrechnung veröffentlicht, da war die Bremen-Wahl schon durch eine andere Nachricht aus dem AfD-Kosmos weggefegt.

Wobei, eine Nachricht? Eigentlich war es nur ein Gerücht. Aber ein wirkmächtiges. Konrad Adam, einer der drei Parteisprecher, hatte der Bild gesagt: "Es gibt handfeste Indizien dafür, dass Bernd Lucke sich dazu entschieden hat, die AfD zu verlassen." Er würde gar eine neue Parteigründung planen, schrieb die Bild weiter. Lucke selbst wollte das am Sonntagabend nicht kommentieren.

Dann aber, um 3.54 Uhr in der Nacht, schickte er doch eine ausführliche Mail an alle AfD-Mitglieder zum "Zustand der Partei". Er sei "sehr überrascht, sozusagen die Nachricht meines eigenen Ablebens lesen zu müssen", heißt es darin. Wahr sei an dem Gerücht nur, "dass ich mir große Sorgen um die AfD mache". Und weiter: "In dieser Form können wir nicht weitermachen." 

Lucke macht im Folgenden drei Probleme aus: Den Verlust "bürgerlicher" Mitglieder, die doch eigentlich den Kern der AfD bildeten. Den lauten Widerstand der rechten Systemkritiker gegen die eigentlich gemäßigtere Programmatik der Partei. Der dritte Grund: "Karrieristen, Querulanten und Intriganten." Lucke schließt mit einer eindringlichen Warnung: "Die AfD ist in einer schweren Krise. Ich bin nicht sicher, dass die AfD in der Form, in der wir sie 2013 gegründet haben, fortbestehen wird. Es gibt Kräfte in der Partei, die eine andere, radikalere AfD wollen."

Das Austrittsgerücht und Luckes Reaktion sind die allerneueste Eskalation im AfD-internen Machtkampf, der in den vergangenen Wochen selbst für eine junge Partei dramatische Züge angenommen hat. Es geht zuerst um die Frage, ob Lucke beim Parteitag am 13. Juni in Kassel zum künftigen alleinigen Parteichef gewählt wird. In der Partei dürfte der AfD-Gründer dafür eigentlich eine Mehrheit haben, doch seine Gegner mobilisieren seit Wochen gegen ihn.

Alles scheint möglich: Ein Durchmarsch Luckes, eine Machtübernahme der Rechten, eine Spaltung der Partei.

Aktuell versuchen Luckes Gegner über die Delegiertenlisten der einzelnen Landesverbände, Luckes Mehrheit beim Bundesparteitag zu verhindern. Im Saarland, in Niedersachsen und in Hessen haben in den vergangenen Wochen Gegner des Parteichefs Landesparteitage gezielt dazu genutzt, um per Blockwahl ihre Leute auf die Listen für die Teilnahme am Bundesparteitag zu wählen. Von einer "generalstabsmäßigen Aktion" berichtete die FAZ.

Das Lucke-Lager ist ausgedünnt

Als Anführerin dieser Anti-Lucke-Aktivitäten gilt Frauke Petry. Sie ist Co-Vorsitzende neben Lucke und Adam und Fraktionschefin in Sachsen. Eigentlich, sagen aktuelle und ehemalige Mitglieder des Bundesvorstandes, liegen Petry und Lucke inhaltlich gar nicht weit auseinander. Es scheint Petry eher um Macht zu gehen. Deshalb macht sie gemeinsame Sache mit den Kräften der Neuen Rechten, innerhalb und außerhalb der Partei, die die AfD gerne unter ihre Kontrolle bringen würden. "Die wollen die AfD zu den neuen Republikanern machen", warnen gleich mehrere aus dem Lucke-Lager.

Dieses Lucke-Lager ist mittlerweile ausgedünnt, zumindest an der Spitze. Besonders öffentlichkeitswirksam war vor ein paar Wochen der Rücktritt von Hans-Olaf Henkel als stellvertretender Parteivorsitzender. Henkel hatte damals schon auf die Rechten in der Partei geschimpft, nun sagte er zum von Konrad Adam gestreuten Austrittsgerücht, dieser habe erst "meinen Rücktritt gefordert, nun Luckes Rücktritt vorhergesagt. Er sollte stattdessen selbst zurücktreten und zwei Leute aus dem Bundesvorstand mitnehmen". Ein Verweis auf Frauke Petry und deren Unterstützer Alexander Gauland, ebenfalls Vorstandsmitglied. 

Die angeblichen Austrittspläne von Parteichef Lucke scheinen jedenfalls nicht weit entwickelt zu sein. Spricht man noch am Sonntagabend mit Vertrauten und Gegnern, sind diese nur mittelmäßig überrascht. Eine Entscheidung, die AfD zu verlassen und sofort etwas Neues zu versuchen, scheint im Lucke-Lager noch nicht gefallen zu sein. Doch es soll Treffen und Absprachen zwischen Lucke und seinen Vertrauten geben, den parteiinternen Gegnern bald etwas entgegenzusetzen.