Bodo Ramelow sagte kürzlich in der ZEIT einen erschütterten Satz: "Wir Politiker haben Angst." Ramelow, der Thüringer Ministerpräsident, sagte das nicht nur so dahin. Er sprach etwas aus, das viele Politiker beschäftigt, worüber die allermeisten von ihnen aber bislang kaum öffentlich reden: Die Anfeindungen gegen sie haben jedes Maß verloren, bei nicht wenigen gehen sogar regelmäßig Morddrohungen ein – von Wutbürgern und Neonazis, von Windkraft-Feinden und Asyl-Gegnern.

Der Ton ist heftiger geworden, die Bedrohungen, die gegenüber deutschen Politikern geäußert werden, sind direkter, die Drohenden selbstbewusster geworden. Es wird in Mails gepöbelt und in Facebook-Nachrichten, in Briefen und am Telefon.

DIE ZEIT und ZEIT ONLINE versammeln nun erstmals mehr als 30 Statements von Politikern aller Ebenen, vom Gemeinderatsmitglied bis zum Bundesparteichef, vom Bürgermeister bis zum Ministerpräsidenten – Statements, in denen Politiker über ihre Erfahrungen mit Bedrohung berichten.

"Neonazis haben dazu aufgerufen, vor meinem Wohnhaus zu demonstrieren. Sie haben auch meinen Sohn attackiert, was das Schlimmste ist für einen Vater", berichtet Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig.

"Neuerdings machen sich die Absender von Hassmails an mich nicht einmal mehr die Mühe, ihre Identität zu verschleiern", sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour.

"Einer schrieb: 'Wenn der Tag der Abrechnung kommt, werde ich dabei sein, wenn du menschlicher Abfall verbrannt wirst, lebendig im Feuer'", berichtet der Oberbürgermeister von Kamenz, Roland Dantz.

Panorama des Hasses

Liest man die Erfahrungsberichte der Politiker, ergibt sich ein Panorama des Hasses, mit dem einige Bürger diesen Politikern zunehmend begegnen. Die hier Versammelten sind nicht dafür bekannt, weinerlich zu sein. Sie kennen ihre Berufsrisiken. Hassattacken oder terroristische Bedrohungen der Familien sind aber etwas anderes. Mit ihnen ist ein Niveau erreicht, das um die Demokratie fürchten lässt.

ZEIT ONLINE veröffentlicht hier die ersten fünf Statements. 27 weitere – unter anderem auch jene, aus denen die oben zitierten Sätze stammen – lesen Sie zunächst in der gedruckten ZEIT, die ab sofort am Kiosk liegt.

Wenn Sie Politiker sind und eigene Erfahrungen mit Bedrohung oder Beleidigung gemacht haben, ob nun als Stadtverordneter oder als Bürgerschaftsmitglied, als Landratskandidat oder als Minister: Bitte teilen auch Sie Ihre Erfahrungen. Wie geht man mit Bedrohungen um? Was lässt sich dagegen tun? Was lässt Sie dennoch den Mut behalten, Politik zu machen? Sie können sich auf Twitter beteiligen, unter dem Hashtag #politikeraufschrei. Sie können eine Mail schreiben – an wirwerdenbedroht@zeit.de. Wir werden die Botschaften sammeln und zu gegebener Zeit veröffentlichen. Der Schritt an die Öffentlichkeit, berichtet ein Bürgermeister in der ZEIT-Umfrage, habe ihm am meisten geholfen.

Denn es ist wichtig, über diese Bedrohungen zu sprechen. Weil die Frage aufgeworfen ist, was da an Wut gegen das politische System in Deutschland umgeht. Weil man sich fragen muss, wer unter diesen Umständen in Zukunft noch bereit sein wird, sich für die Politik als Beruf zu entscheiden.

Weil sich hier eine Entwicklung vollzieht, die wir alle nicht tatenlos beobachten dürfen.

Winfried Kretschmann: "Ich beobachte, dass insbesondere in den sozialen Netzwerken die Hemmschwelle bei Beschimpfungen und Unflätigkeiten immer weiter sinkt. Die Verrohung der Umgangsformen bereitet mir Sorge, auch und vor allem in Zusammenhang mit der Abkehr von Politik in manchen Bevölkerungsgruppen. Ich fühle mich aber nicht wirklich gefährdet oder gar bedroht. Vor ein paar Jahren wurde ich mal von einem Stuttgart-21-Gegner mit einer Sandale beworfen. Getroffen wurde jedoch nicht ich, sondern ein Sicherheitsbeamter. Ich persönlich scheue keine Auseinandersetzung, Diskussion und Auseinandersetzung sind das Lebenselixier der Demokratie – solange sie sachlich und zivilisiert geführt werden."
Kretschmann, 67, ist Ministerpräsident von Baden-Württemberg (Grüne)

Rainer-Michael Lehmann: "Bei uns in Berlin-Pankow säubern die Jusos die Straßen regelmäßig von Neonazi-Aufklebern. Ich gehe da immer wieder mit, um zu helfen. Bislang ging nie etwas schief, außer dass wir von bekannten Rechtsextremen fotografiert wurden, aber im vergangenen Jahr wurden wir plötzlich attackiert. Zunächst kam ein offenbar Rechtsextremer auf uns zu, brüllte uns an und drohte uns, danach wurde ein Feuerwerkskörper von einem Balkon auf uns geworfen, es kam ein voll besetzter Pkw an, der uns dann auch noch verfolgte. Zum Glück konnten wir uns in Sicherheit bringen, und riefen die Polizei. Aber seither bin ich vorsichtiger geworden. Ich achte zum Beispiel darauf, dass nirgends mehr meine Privatadresse auftaucht."
Lehmann, 54, sitzt für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus.