Die Drohne Euro Hawk – hier ein Werbebild des Herstellers – ist einer der teuersten Fehlschläge der Bundeswehr. © EADS via Getty Images

Mehr als 2.000 Rüstungsprojekte verfolgt die Bundeswehr – gleichzeitig. Da geht schon mal etwas daneben. Doch eigentlich darf nichts schiefgehen, erst recht nicht dutzendfach. Denn wenn ein solches Vorhaben misslingt, wird es sofort teuer. Allen ist das bewusst, in der Bundeswehr selbst, im Verteidigungsministerium, im Bundestag, im Rechnungshof. Trotzdem erlebt die Bundeswehr einen Skandal nach dem anderen. Panzer, Schiffe, Flugzeuge, Kanonen, selbst Gewehre taugen offenbar nichts, wenn die Bundeswehr sie bauen lässt. 

Manche dieser Schwierigkeiten lassen sich in einer Demokratie nicht vermeiden. Sie werden vielmehr bewusst in Kauf genommen, weil Machtkontrolle als höherer Wert gilt. Niemand will, dass die Bundeswehr alles bekommt, was sie sich wünscht. Im Gegenteil: Politik soll den Streitkräften sogar in ihre Pläne hineinreden. 

Andere Probleme jedoch sind hausgemacht und unnötig. Sie lassen sich allen Beteiligten zurechnen, der Bundeswehr ebenso wie der Industrie und den verantwortlichen Politikern. Da geht es um technische Inkompetenz und Personalmangel, um veraltete Technik und Lobbyinteressen, um Sparwünsche und Verhandlungsschwächen.  

Wer verstehen will, warum Hubschrauber am Boden bleiben, Gewehre bei Dauerfeuer heiß laufen und Panzer zu schwer für den Lufttransport sind, muss zuerst bei der Bundeswehr suchen. 

Technische Inkompetenz

Waffen zu entwickeln ist ein Job für Profis. Flugzeuge, Panzer, Schiffe sind komplizierte Maschinen. Die Ingenieure, die sie entwickeln und bauen, gehören zu den Besten ihres Fachs. Doch auf Verwaltungsseite sieht das anders aus. In den Ämtern der Bundeswehr wechseln ständig die Personen. Hat sich ein Offizier endlich in ein Projekt eingearbeitet, wird er schon wieder versetzt. Zwei bis drei Jahre bleiben Soldaten im Schnitt auf einem Dienstposten. Dann werden sie befördert oder woanders verwendet. 

Die Folge: Die Leiter einzelner Projektabschnitte sind vor allem damit beschäftigt,  zu verstehen, worum es überhaupt geht. Oder sie kümmern sich nur um die Dinge, von denen sie etwas wissen, und nicht um das, was wirklich geregelt oder vorangebracht werden muss. "Da macht ein Truppenpsychologe dann Weltraumanalysen", sagt ein hochrangiger Soldat. Das führe dazu, dass immer neue Anforderungen gestellt würden. Jeder neue Projektleiter habe eine neue Lieblingsidee. Das Ergebnis: "Sie wollten ein kleines Beiboot, am Ende bekommen Sie einen Kampfstern Galactica." 

Änderungswünsche

Rüstungsprojekte sind auf Jahre angelegt – Zeit, in der sich die Umstände, unter denen die Bundeswehr operiert, grundlegend verändern können. Der Eurofighter sollte beispielsweise ursprünglich ein "Luftüberlegenheitsjäger" werden. Die Maschine  sollte gegen angreifende Jagdflugzeuge  des Warschauer Pakts die Lufthoheit erobern. Dazu musste sie höchst beweglich sein. Doch noch bevor das Flugzeug fertig geplant war, war der Kalte Krieg vorbei. Nun trifft die Bundeswehr wie in Afghanistan auf Gegner, die wie Guerillas in kleinen Gruppen am Boden kämpfen. Was die Luftwaffe braucht, sind Flugzeuge, die das Gelände aufklären und Bomben werfen können. Für die Entwickler des Eurofighter bedeutete das, gewaltig umzuplanen. 

Oder der Schützenpanzer Puma. Ursprünglich sollte er so stark gepanzert sein wie ein Kampfpanzer, wodurch er 50 bis 70 Tonnen gewogen hätte. Einige Jahre später jedoch forderte die Bundeswehr, dass der Puma auch per Flugzeug transportiert werden kann, soll sie doch nun vor alle im Ausland kämpfen und nicht gegen russische Panzerarmeen. Dafür darf der Puma aber nur noch maximal 32 Tonnen wiegen. Sonst kann ihn der neue Transportflieger A400M nicht mitnehmen. Der Puma wurde also abgespeckt. Nun muss ein Teil der Panzerung zu Hause bleiben. Seine Front ist dann zwar noch sehr gut gegen Minen und mittlere Waffen geschützt. Die Seitenpanzerung jedoch fehlt weitgehend. Oder muss mit einer zweiten Transportmaschine hinterhergeschickt werden. 

Personalmangel

Der Bundeswehr fehlen gute Leute. Das Verteidigungsministerium hat zu wenige Juristen, die Verträge mit der Industrie verhandeln und prüfen können. Allzu oft lässt es sich deshalb auf Geschäfte ein, die die Beamten nicht richtig durchschauen. Geht das schief, mangelt es dann auch an Vertragsprüfern, die herausfinden können, ob man von der Industrie Schadenersatz fordern kann. 

Auch Ingenieure hat die Bundeswehr zu wenige. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG haben sich auf Wunsch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen alle großen Rüstungsprojekte angeschaut. Sie bemängeln im geheimen Teil ihrer Bestandsaufnahme der Projekte, dass im BAAINBw, dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung, Leute fehlen. Dort werden die Projekte erdacht, geplant und geprüft. Warum ausgerechnet im BAAINBw seit langer Zeit Stellen unbesetzt bleiben, ist das Geheimnis der Bundeswehr. 

Außerdem wird Personal falsch eingesetzt – eben weil sich Projekte verzögern. Wenn ein Flugzeug nicht ausgeliefert wird, kann niemand lernen, es zu fliegen. Wenn die Bundeswehr nur einen A400M hat, wie es derzeit der Fall ist, kann sie darauf nicht einhundert Piloten gleichzeitig schulen. Das hat absurde Effekte: Irgendwann sind nämlich die technischen Hürden überwunden, die Produktion nimmt Fahrt auf. Dann stehen auf einmal Hubschrauber oder Flugzeuge da, aber es gibt noch niemanden, der sie bedienen kann. 

In anderen Fällen werden Mannschaften ausgebildet, deren Fähigkeiten später niemand mehr braucht. So geschehen bei der Aufklärungsdrohne Euro Hawk. Die Bundeswehr wollte fünf Exemplare anschaffen. Doch bis heute kam nur eines nach Deutschland, das jedoch keine gültige Zulassung hat und deshalb nicht starten darf. Die Piloten wurden aber längst für die Drohne trainiert. Weil Drohnenpiloten eine gültige Lizenz für bemannte Maschinen haben müssen, waren es sämtlich Piloten aus dem Bestand der Jagdflieger-, Hubschrauber- und Transportstaffeln. Nun saßen sie herum, wurden in irgendwelche Stäbe versetzt oder verließen frustriert die Bundeswehr. Sollte der Euro Hawk doch irgendwann fliegen, was die Bundeswehr zumindest plant, wird die Luftwaffe neue Piloten brauchen. 

Angst vor Verantwortung

Ein Punkt, der wirklich seltsam anmutet: Den Soldaten fehlt Wille und Mut, Entscheidungen zu treffen. Das zumindest klingt in den als Verschlusssache eingestuften "Handlungsempfehlungen" der Wirtschaftsprüfer von KPMG an. Sie schreiben, dass klare Entscheidungsstrukturen wichtig seien, um große Projekte zu einem Erfolg zu machen. Das aber setzte voraus, dass alle Beteiligten verantwortlich und initiativ handeln. In der Bundeswehr aber scheinen Mut und Initiative nicht sehr verbreitet zu sein. Zu viele Entscheidungen würden delegiert, statt sie zu teffen, bemängelt der KPMG-Bericht. Viele Entscheider hätten eine "Risikoaversion". Als Bürger kann man da nur hoffen, dass solche Beamten nie ein Kampfkommando bekommen.