Kaum ein Rüstungsprojekt, an dem die Bundeswehr in den vergangenen Jahren beteiligt war, kam ohne negative Schlagzeilen aus. Der Absturz des Airbus A400M bei Sevilla ist der erste tödliche Zwischenfall in einer langen Reihe technischer und organisatorischer Pannen bei der deutschen Armee.

Die Entwicklung des Airbus-Militärtransporters wurde von Beginn an von politischen, finanziellen und technischen Problemen begleitet. Im Dezember 2001 bestellten die Verteidigungsminister sieben europäischer Staaten bei Airbus insgesamt 196 der neuen Transportmaschinen. Vorbehaltlich sicherte Deutschland zunächst die Abnahme von 73 Maschinen zu, reduziert die Bestellung ein Jahr später jedoch auf 60 Maschinen. Nach jahrelangen Verhandlungen war die Bestellung schließlich 2003 abgeschlossen.  

Probleme bei der Entwicklung der Triebwerke verzögerten den Bau des Prototyps. Die europäischen Kunden vereinbaren im Frühjahr 2009, zunächst nicht von ihrem Vertragskündigungsrecht Gebrauch zu machen. Zu diesem Zeitpunkt lag Airbus bereits mindestens drei Jahre hinter dem Zeitplan. Beim Jungfernflug des A400M im Dezember 2009 – ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Beginn der Serienproduktion – war die Zukunft des Projekts ungewiss. Mehr als ein Jahr lang verhandelte Airbus mit den Kunden die Finanzierung der zusätzlichen Kosten in Höhe von fünf Milliarden Euro, die Bestellung wurde auf 170 Maschinen reduziert, die deutsche auf 53.

Nach erneuten Problemen mit den Triebwerken übergab Airbus die erste Maschine im August 2013 mit beinahe vier Jahren Verspätung an die französische Luftwaffe. Die erste und bislang einzige Maschine der Bundeswehr folgte im Dezember 2014, sie ist nun in Sevilla abgestürzt; die Luftwaffe setzt die Testflüge bis zur Klärung der Unglücksursache aus.

Wie nötig die Bundeswehr die neuen Transportmaschinen hat, zeigte sich zuletzt im September 2014. Die Bundeswehr musste ihre Beteiligung an einer Luftbrücke in die Ebola-Gebiete verschieben, nachdem die vorgesehene Transall-Maschine – dem seit 1963 von der Bundeswehr genutzten Vorgänger des A400M – wegen eines technischen Defekts und fehlender Ersatzteile auf Gran Canaria liegen geblieben war. Auch die Bundeswehr-Mission zur Ausbildung der Peschmerga scheiterte beinahe an den veralteten Transall-Maschinen: Während die für die Peschmerga vorgesehenen Waffen wegen technischer Probleme am Flugzeug tagelang in Leipzig feststeckten, strandeten die Ausbilder der Bundeswehr aus dem gleichen Grund in Bulgarien.

Pannenserie bei A400M-Vorgänger Transall

In dieser letzten Septemberwoche 2014 überschlugen sich die Meldungen über die technischen Unzulänglichkeiten der deutschen Streitkräfte. Die Süddeutsche Zeitung hatte erfahren, dass die deutsche Beteiligung an der EU-Mission Atalanta am Horn von Afrika wegen gravierender Mängel an den Hubschraubern der Marine gefährdet war. Von den 22 Bordhubschraubern des Typs Sea Lynx war laut SZ kein einziger einsatzbereit. Prüfer hatten im Sommer an einem Exemplar einen 20 Zentimeter langen Riss festgestellt, die Bundeswehr setzte den Betrieb der Hubschrauber daraufhin zunächst aus. Laut Medienberichten wusste die Bundeswehr bereits seit 2011 von den Ermüdungserscheinungen des Sea Lynx. 

Auch das Airbus-Modell NH90, das die seit den 1970ern im Einsatz befindlichen Sea King und Sea Lynx der Marine mittelfristig ersetzen soll, bereitet der Bundeswehr seit Jahren Probleme. Nach jahrelangen Verzögerungen in der Entwicklung des Airbus-Helikopters forderten Verteidigungsexperten schon vor Auslieferung der ersten Maschine an die Bundeswehr, auf ein anderes Modell umzusteigen. Nach der Flugerprobung schloss sich eine Expertengruppe der Bundeswehr dieser Forderung an. So könnten Soldaten nur auf festem Untergrund ein und aussteigen, die Sitze seien nur für Personen bis 110 Kilogramm (inklusive Ausrüstung) geeignet und das Mitführen schwerer Waffen wegen fehlender Befestigungsmöglichkeiten nicht möglich. Zudem traten seit Inbetriebnahme des NH90 wiederholt Probleme mit dem Triebwerk auf. 

7 von 43 Marine-Hubschraubern startklar

22 der insgesamt 41 Hubschrauber der Marine sind derzeit Sea Lynxs. Laut einer Ende September vorgelegten Mängelliste des Verteidigungsausschusses waren im Herbst 2014 nur 18 von ihnen verfügbar und 4 einsatzbereit. Von den 21 Maschinen des Typs Sea King, der die andere Hälfte der Helikopterflotte der Marine ausmacht, waren zu dem Zeitpunkt nur 15 verfügbar und 3 startklar. Von den 43 Transall-Maschinen der Bundeswehr waren demnach nur 24 flugtauglich, beim Transporthubschrauber CH-53 waren nur 16 von 43 einsatzbereit.

Die Mängelliste offenbarte auch Materialprobleme bei Heer und Luftwaffe: So standen nur 10 von 31 Tiger-Kampfhubschraubern zur Verfügung, von 33 NH90-Transporthubschraubern waren nur 8 einsatzbereit. Der sogenannte Buchbestand an Eurofighter-Kampfjets lag bei 109, davon waren theoretisch 74 verfügbar, aber nur 42 einsatzbereit. Für die Probleme machten Inspekteure von Heer, Luftwaffe und Marine unter anderem einen Bestellstopp für Ersatzteile von 2010 verantwortlich, den die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung angeordnet hatte. Deutschland war laut Generalinspekteur Volker Wieker zu diesem Zeitpunkt wegen der Materialprobleme nicht in der Lage, seine Bündniszusagen an die Nato zu erfüllen.

140 "Probleme und Risiken" am Gerät der Bundeswehr

Im Oktober stellte Verteidigungsministerin von der Leyen (CDU) ein externes Gutachten zu den 15 größten Rüstungsprojekten der Bundeswehr vor. Der Bericht listet 140 "Probleme und Risiken" am Gerät der Bundeswehr auf. Unter anderem beanstandet das Gutachten die optische Zielerkennung des Schützenpanzers Puma, fehlende Laser-Schutzvisiere für Helikopterhelme sowie noch immer nicht vorhandene Nachtsichtgeräte für den Helikopter vom Typ Tiger. Außerdem stellen die Gutachter eine mangelhafte Brandschutzbeschichtung bei der Fregatte F 125 fest. Die Beschichtung hatte sich offenbar schon während des Baus von der Fregatte gelöst.

Neben den zahlreichen Beanstandungen empfehlen die Gutachter auch die Wiederaufnahme eines bereits bekannten Pannen-Projekts der Bundeswehr, der Aufklärungsdrohne Eurohawk. Das einstige Prestige-Projekt von Bundeswehr und EADS war 2013 unter dem damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) wenige Monate nach dem erfolgreichen Jungfernflug der Drohne beendet worden. Grund für die Einstellung war die Ankündigung der Flugsicherheitsbehörde der EU, der Drohne keine Zulassung für Einsätze über bewohntem Gebiet zu erteilen. In der 13-jährigen Entwicklungszeit hat das Projekt den Bund zwischen 600 und 800 Millionen Euro gekostet.  

178.000 nicht ganz treffsichere Gewehre

Das bisher jüngste und wohl umfangreichste Materialproblem der Bundeswehr betrifft ihre Ordonnanzwaffe, das Heckler & Koch Sturmgewehr G36. Anders als beim Airbus-Transporter A400M gelangten die technischen Mängel am G36 erst Jahre nach seiner Einführung an eine breitere Öffentlichkeit. Bereits 1994 hatten Prüfer der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition in Meppen erhebliche Mängel beim G36 festgestellt. Auf 500 Meter Entfernung habe das Gewehr bei Dauerfeuer einen Streukreis von zweieinhalb Metern aufgewiesen – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Waffe bei Hitze nicht mehr genau feuern kann.

Die Bundeswehr orderte trotzdem 178.000 Exemplare. Immer wieder gab es Berichte über Probleme mit dem Standardgewehr der Bundeswehr, die das Verteidigungsministerium nach einer externen Überprüfung der 15 größten Rüstungsprojekte erst im Herbst vergangenen Jahres bestätigte. Recherchen des Spiegel ergaben inzwischen, dass G36-Hersteller Heckler & Koch die Mängel in Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium jahrelang zu vertuschen versuchte.  

Dabei erwog ein Mitarbeiter im Ministerium sogar, mit dem Militärgeheimdienst MAD gegen hausinterne Kritiker und Journalisten vorzugehen. Der zuständige Abteilungsleiter für Rüstung, Detlef Selhausen, soll von seinen derzeitigen Aufgaben als Geschäftsführer der Bundeswehr-Fuhrpark GmbH entbunden und baldmöglichst in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden, teilte das Verteidigungsministerium inzwischen mit. Weitere personelle und strukturelle Konsequenzen würden derzeit geprüft.