Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt von enormen Zeitdruck. Viele Menschen fühlen sich zerrieben zwischen den Anforderungen der Arbeit und der Betreuung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen. Andere wiederum plagt die Sorge, wie sie überhaupt finanziell über die Runden kommen sollen, da sie in einem Teilzeitjob, womöglich noch befristet, nicht genug für sich und ihre Kinder verdienen. Klar ist: Die Erwerbsbiografien in Deutschland werden immer individueller.

Eine Antwort auf die damit einhergehenden Herausforderungen hat Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gegeben: Die Familienarbeitszeit. Eltern kleiner Kinder sollen nach Auslaufen des Elterngeldes ihre Arbeitszeit reduzieren können und erhalten dafür vom Staat einen Lohnausgleich. 

Dieses Modell bietet mehrere Vorteile: Erstens ermöglicht es Müttern und Vätern eine Reduzierung der Arbeitszeit und die gleichzeitige Fürsorge für die eigene Familie. Im Gegensatz zu vielen anderen staatlichen Leistungen wird damit nicht vorrangig das klassische männliche Familienernährermodell gefördert, das nicht mehr zur Realität vieler Familien passt. Zweitens schafft es bei gleichzeitiger Rückkehrmöglichkeit aus der Teilzeitbeschäftigung einen Ausweg, vor allem für Frauen, die derzeit durch die häufigere Beschäftigung in Teilzeitjobs viel eher in (Alters)armut rutschen. Die Kosten der Familienarbeitszeit, so wie sie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung berechnet wurden, fallen mit rund 140 Millionen eher moderat aus. Es ist daher richtig, wenn die SPD insgesamt dieses Projekt energisch vorantreibt, da es eine spürbare Entlastung für viele Menschen bringen wird.

Die sogenannte gehetzte Generation

Neben der Betreuung der Kinder und der Vereinbarkeit mit dem Beruf, tritt auch die Frage nach einer guten Pflege der Angehörigen immer stärker in der Vordergrund. Die von der SPD geforderte und beschlossene Familienpflegezeit greift diesen Gedanken auf, in dem sie Angehörigen von Pflegebedürftigen einen Rechtsanspruch auf eine Auszeit vom Beruf mit entsprechender staatlicher finanzieller Unterstützung (Lohnersatz oder zinsloses Darlehen) ermöglicht. Das reicht aber noch nicht aus. Pflege muss perspektivisch wie Kindererziehung ein Anspruch auf Familienarbeitszeit darstellen.

Diese Beispiele zeigen: Die SPD kümmert sich um die sogenannte gehetzte Generation. Aber sie kann dort nicht stehen bleiben. Es muss unsere Aufgabe sein, ein politisches Angebot für alle Arbeitnehmende und Arbeitssuchende zu machen.

Ideen für eine gerechte Arbeitszeitpolitik hat die SPD bereits seit Längerem. Schon im Grundsatzprogramm von 1989 formulierte die Partei: "Wer nicht nur Erwerbsarbeit, sondern auch Haus-, Familien- und Eigenarbeit gerecht verteilen will, muss vorrangig die tägliche Arbeitszeit verkürzen." Angestrebt wurde eine 35-Stunden-Woche. Im Hamburger Programm von 2007 hielt die SPD an diesem Ziel grundsätzlich fest, auch wenn dort der Verweis auf die genaue Stundenzahl fehlt. Die Idee einer generellen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wird auch von Unternehmen in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel Norwegen und Schweden erprobt. Die Resultate sind bisher positiv. Nicht nur trägt dies zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, besserer Gesundheit der Arbeitnehmenden, mehr Geschlechtergerechtigkeit und weniger Altersarmut bei, auch die Produktivität der Unternehmen hat sich verbessert. Sie sind weiterhin am Markt erfolgreich. 

Angesichts einer zunehmenden Automatisierung in großen Teilen des produzierenden Gewerbes und Stress bei vielen Arbeitnehmenden muss auch bei uns in diese Richtung weiter gedacht werden. Die Arbeitsbelastung zum Beispiel in Pflegeberufen und die zunehmende Zersplitterung von Beschäftigungsverhältnissen erfordert eine Stärkung der sogenannten normal sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträge.

Manuela Schwesigs Idee ist ein wichtiger Vorstoß für eine neue Arbeitszeitpolitik. Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich muss perspektivisch diesen Vorstoß ergänzen und wieder Ziel der SPD sein.